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HVB Markt-Briefing – Audio vom 15.12.2025

Fed-Chef Powell geht, kommt Hassett mit Zinsgeschenken? +++ Aktienmarkt: sind Schwellenländer im Vorteil?

Andreas Rees:

Er ist sicherlich kein klassischer Zentralbanker, so wie wir das bislang erlebt haben, wie zum Beispiel bei Jerome Powell. Hassett, das ist ein Low-for-Long-Ökonom, also deutlich niedrigere Leitzinsen und das über einen wirklich längeren Zeitraum.

Phillip Gisdakis:

Das politische Spannungsfeld, das besteht darin, dass man die Wahlchancen aus Sicht des Weißen Hauses erhöht, indem man eben über eine lockere Geldpolitik günstige Aktienmarktbedingungen schafft. Gleichzeitig besteht aber auch das Risiko, dass eine lockere Geldpolitik die Inflation antreibt. Das werden vermutlich im kommenden Jahr ganz wesentliche Themen sein.

Titus Kroder:

Seien Sie herzlich gegrüßt zur Jahresendausgabe des HVB Marktbriefings. Tja, die Geschenke, dieses Thema treibt uns alle um so kurz vor Weihnachten. Und auch im HVB Marktbriefing lässt uns die Geschenkfrage nicht los. Wir rascheln aber nicht mit buntem Papier und hübsch gelockten Goldbändchen. Wir schauen uns heute so genannte Zinsgeschenke an. Ob die tatsächlich kommen werden, nicht einmal das ist sicher, denn das hängt entscheidend davon ab, wer der nächste Chef der US-Notenbank Federal Reserve wird. Und da diese Spitzenpersonalie Auswirkungen auf nahezu den gesamten Rest der Weltwirtschaft hat, auch auf Unternehmen und Portfolios in Deutschland, machen wir diese Frage heute zum Hauptthema. Es gibt inzwischen einen Top-Favoriten für das Amt des Fed-Chefs. Die Frage ist, würde er eine Ära des leichten Geldes, der Niedrigzinsen und des schwachen Dollars einläuten? Könnte darüber die Inflation nicht völlig aus dem Ruder laufen? Und was hält man an den Finanzmärkten eigentlich von diesem Favoriten? Diese Fragen diskutiere ich mit Andreas Rees, Chefvolkswirt, und Philipp Gisdakis, Chief Investment Officer der HypoVereinsbank. Hallo Andreas, hallo Philipp.

Philipp Gisdakis:

Hallo, grüßt euch.

Andreas Rees:

 Hallo, ich grüße euch.

 

Donald Trump:

I guess a potential fed here too.

I don't know. Potential is a respected person thank you Kevin.

 

Titus Kroder:

Donald Trump hören wir hier etwas zaghaft nuscheln, er lobt da in einer Kabinettssitzung vor wenigen Tagen einen Mann über den grünen Klee. Kevin Hassett ist gemeint, Trump nennt ihn weithin respektiert und einen möglichen künftigen Notenbankchef, das ist entscheidend. In politischen und Finanzkreisen in Washington reden seither alle nur noch von Kevin Hassett als quasi schon feststehenden Nachfolger von Jerome Powell, dem jetzigen Fed-Chef. Andreas, was wissen wir denn jenseits der Spekulationen wirklich über die Aussichten von Hassett auf den wohl wichtigsten öffentlichen Posten im Weltfinanzsystem?

Andreas Rees:

Ja, Titus, so wahnsinnig viel wissen wir eigentlich nicht. Also noch mal um das zusammenzufassen, die Amtszeit von Jerome Powell als Fed-Chair endet im Mai 2026 und Trump hat angekündigt, dann offiziell Anfang des nächsten Jahres seinen Vorschlag für die Nachfolge zu präsentieren. Ursprünglich war sogar noch vor Weihnachten die Rede. Das hat er jetzt eben unverhohlen, aber inoffiziell gemacht. Also die Botschaft ist klar, wahrscheinlich wird es dann Kevin Hassett werden. Hassett ist im Moment der Leiter des National Economic Council im Weißen Haus. Also er ist der wirtschaftspolitische Chefberater von Trump, aber wie gesagt, offiziell ist er natürlich noch nicht nominiert worden, aber ganz klar, er ist der Frontrunner.

Titus Kroder:

Trump will bis Ende des Jahres die Personalie entscheiden. Jerome Powells Amtszeit endet in etwa 6 Monaten, formell im Mai, also bevor wir in weitere Details gehen, mal in groben Strichen aufgemalt, welche Zinspolitik müssten wir erwarten, würde Kevin Hassett, der neue Notenbankchef in Washington?

Andreas Rees:

Ja, ich denke, das wäre wahrscheinlich schon eine deutlich andere Fed, die wir dann erleben würden. Kevin Hasset gilt als klarer Freund niedriger Zinsen. Das heißt, er möchte die Fed zu schnelleren und tieferen Zinssenkungen bewegen oder vielleicht drängen, das wäre der richtige Ausdruck. Also er ist sicherlich kein klassischer Zentralbanker, so wie wir das bislang erlebt haben, wie zum Beispiel bei Jerome Powell. Hassett hat in der Vergangenheit auch immer wieder betont, dass die Inflation aus seiner Sicht niedrig ist. Also das ist ein Zitat, niedrig oder er spricht auch gerne davon, dass die Inflation way down sei, also ein Abwärtstrend. Das ist nach meiner bescheidenen Einschätzung, aber auch nach der Einschätzung vieler anderer Volkswirte so nicht richtig. Die Inflationsrate in den USA liegt hartnäckig bei ungefähr 3% und sie könnte sogar noch weiter steigen, wenn dann die höheren Zölle wirkungsverzögert in der Wirtschaft und bei den Preisen ankommen. Also, Kevin Hassett, der tickt da schon anders und gleichzeitig zeichnet er auch ein relativ optimistisches Bild der  US Wirtschaft. Wenn es Schwächen gibt am Arbeitsmarkt, wir haben ja eine Verlangsamung des Beschäftigungsaufbaus, dann schreibt er das zumindest zum Teil Produktivitätsgewinn zu, zum Beispiel durch neue Technologien wie künstlicher Intelligenz. Und das ist halt ganz wichtig auch für die Denke und damit auch wahrscheinlich für den Zinsausblick bei der Fed. Denn wenn man wie Hassett glaubt, dass die Produktivität steigt, dann kann man auch niedrige Zinsen rechtfertigen, weil eben das volkswirtschaftliche Angebotspotenzial der US-Wirtschaft wächst und damit ist auch Am Ende, wenn man sehr langfristig denkt, die Inflation. Inflationsgefahr niedrig. Also in der Summe würde ich sagen, Hasset, das ist 'n klassischer Low for Long Ökonom, also deutlich niedrigere Leitzinsen und das über einen wirklich längeren Zeitraum.

Titus Kroder:

Der Mann würde also tatsächlich für eine Zeitenwende in der Geldpolitik stehen. Philipp, seitdem der Name Hassett immer öfter geflüstert, geraunt und gerufen wird, hat man sich an den Finanzmärkten sicher auch schon eine Meinung gebildet zu dem Mann. Wie lautet diese Meinung, mal ganz grob gesprochen, bevor wir gleich noch genauer die Folgen dieser neuen möglichen Art von Zinspolitik auf die Märkte angucken?

Philipp Gisdakis:

Ja, Titus wird natürlich sehr stark drauf ankommen, wie das wirtschaftliche Umfeld im Falle von weiteren Zinssenkungen aussieht. Wenn Zinssenkungen fundamental in Ordnung gehen, dann wären damit auch die Märkte kein großes Problem haben. Ganz wichtig, anders als die EZB hat ja, wir haben das bereits öfters erklärt, die Federal Reserve, ein sogenanntes. Dual Mandate, also ein duales Mandat. Sie muss drauf achten, die Beschäftigung zu maximieren und eben für Preisstabilität zu sorgen. Das heißt, wenn das wirtschaftliche Umfeld so sein sollte, dass zum Beispiel die Inflation zwar 'n Ticken zu hoch ist, aber der Arbeitsmarkt Probleme macht, dann könnten Zinssenkungen schon gerechtfertigt sein. Falls jetzt es aber offensichtlich sein sollte, dass die Zinspolitik zu dovish, also zu locker sein sollte, dann würde vermutlich als Marktreaktion folgendes in Kraft treten, dass die langfristigen Renditen steigen würden. Die würden nämlich 'ne Inflationsprämie mit reinnehmen und der Dollar würde schwächer werden und das könnte sich dann auf die Aktienmärkte auswirken. Jetzt habe ich ein Fachwort hier benutzt, möchte ich kurz erklären, sozusagen Kapitalmarktslang, die Geldpolitiker, die eher zur lockeren Geldpolitik neigen, die werden auch als Tauben, also als Doves, bezeichnet. Und die, die eher zu einer strikteren Geldpolitik neigen, die werden eher als Falken als als Hawks bezeichnet. Deswegen nennt man auch eine lockere Geldpolitik Dovish. Der deutsche Begriff wäre taubenhaft und falkenhaft. Und es hört sich so komisch an, dass wir auch im Deutschen dann die Begriffe Dovish und Hawkish verwenden.

Titus Kroder:

Sehr gut erklärt, Andreas. Moderne Notenbanken sollten ja laut Lehrbuch, unabhängig von den Wünschen der Politiker und ausschließlich Zielen bei Inflation und Arbeitsmarkt, Philip hat das gerade angesprochen, verpflichtet sein. Ist unter einem möglichen Fed-Chef Hassett die wichtigste Notenbank der Welt denn noch unabhängig? Kann man das so sehen, wenn der bisher so eng mit dem Weißen Haus und der ja oft auch extremen Wirtschaftspolitik von Trump verbunden ist?

Andreas Rees:

Wenn man Hassett bei Interviews zuhört, dann klingt das erstmal, finde ich, völlig unverdächtig, weil er hat zum Beispiel gesagt, die Geldpolitik müsse, das ist ein Zitat, vollständig unabhängig. von politischem Einfluss sein und er hat es ausdrücklich auch auf den U. S. Präsidenten bezogen. Dann fordert er mehr Transparenz von der Fed. Er hat die Fed als den Wizard of Oz hinter dem Vorhang bezeichnet. Also er möchte hier mehr Transparenz. Das heißt also, die Fed soll ihre Modelle und Prognosen stärker offenlegen. Also ich finde, das klingt jetzt erstmal alles vernünftig. Aber auf der anderen Seite, da steht seine politische Rolle. Er ist einer von Trumps engsten wirtschaftspolitischen Vertrauten und vor allen Dingen Hassett hat die Fed immer wieder sehr scharf kritisiert, wenn sie aus seiner Sicht eben den Leitzins nicht schnell genug gesenkt hat.

Titus Kroder:

Anders als etliche Mandatsträger der Trump-Regierung ist Kevin Hassett ja tatsächlich vom Fach. Er ist Ökonom, er hat an hochkarätigen Unis wie Columbia und Pennsylvania als Professor gelehrt. Er schrieb, Wirtschaftskolumnen für die New York Times und für das Wall Street Journal, also durchaus die Qualitätsmedien. Er hat als Researcher sogar schon mal bei der Fed gearbeitet, ist jemand, der intellektuell so mainstreaming orthodox daherkommt, nicht ganz natürlich davor gefeit, politisch auch stark verzerrte, politisch gefährdete Zinsentscheidungen zu treffen.

Andreas Rees:

Ich denke, Hassett ist schon vom Fach und was du gerade gesagt hast, in den 90er Jahren hat er sogar bei der Fed gearbeitet. Also die Frage ist nicht, ob Hassett fachlich versteht, wie Geldpolitik funktioniert. Ich denke, das tut er auf jeden Fall. Aber da, wo ich eben schon Bedenken hätte, ob er im Zweifel eher der Anwalt ist, sozusagen objektiver Wirtschaftsdaten und sich die wirklich anschaut und objektiv interpretiert. Oder ob er am Ende nicht dann doch der Anwalt der politischen Agenda des Weißen Hauses ist. Und wenn man sich andere Aktionen anschaut oder auch Kommentare, dann kann man schon wirklich den Eindruck kriegen, dass Hassett sehr stark politisch unterwegs ist. Er hat zum Beispiel die Statistikbehörde BLS, also die den Arbeitsmarktbericht jeden Monat veröffentlicht, sehr scharf politisch attackiert, hat sie mit dem Vorwurf überzogen der Parteilichkeit, hat auch einen personellen Neuanfang an der Spitze gefordert, der ist dann auch tatsächlich passiert. Also Hesse kann auch schon wirklich kräftig hinlangen.

Kevin Hassett:

You know, I I think that I show every day in do my job, and you see the presses gonna decide. By the end of the month he says and he's been looking at a number of candidates and it's you'll be interesting to see how it cause but I am really the happiest person ever with the president said I could come and be the director that national.

Titus Kroder:

Hier haben wir ihn eben gehört, in einem Clip, wo er gefragt wird, wie er denn selbst seine Aussichten auf den Chefposten bei der Fed einschätzt, und er äußert sich da sehr diplomatisch, sagt, das müsse man alles abwarten. Und er fühle sich derzeit eigentlich ganz aufgehoben als Chefberater von Donald Trump in Wirtschaftsfragen. Die Frage ist aber ja auch, wie viel Macht hätte Hassett denn tatsächlich bei den Zinsentscheidungen? Er sitzt ja da nicht allein in diesem Riesenpalast an der Constitution Avenue in Washington, wo die Fed residiert. Zinsentscheidungen sind dort ja in der Praxis immer auch Gruppenentscheidungen. Wie geht das genau? Wie viel Gewicht hat die Stimme des Chairman in der Praxis?

Andreas Rees:

Ja, Titus, genau das ist ein wirklich wichtiger Punkt. Die Fed hat keinen Sinn, Diktator, also über die Leitzinsen, da entscheidet das F.O.M.C., das Federal Open Market Committee, und dort sitzen zum einen die 7 Mitglieder des sogenannten Board of Governors in Washington, also von der Zentrale, einschließlich dem Chair. Und dann haben wir auch noch die Präsidentinnen und Präsidenten der regionalen Federal Reserve Banken und 5 davon sind jeweils stimmberechtigt New York immer und bei den anderen da rotiert es. Also vor jeder Sitzung, da gibt es einen intensiven Prozess. Die Stäbe der Fed liefern Prognosen, Szenarien, es werden Risiken durchdekliniert und jeder oder jede kann dann am Tisch seine Einschätzung einbringen und am Ende wird dann abgestimmt. Und da gilt eine Person, eine Stimme. Und wenn dann eine Mehrheit aggressive Zinssenkung ablehnen würde, dann kann selbst ein Chairman Hassett das nicht einfach ignorieren oder einfach die Zinssenkung am Ende verordnen. Aber trotzdem, seine Rolle als Fed Chair wäre enorm einflussreich, weil er die Agenda setzen kann. Er entscheidet vor den Sitzungen, welche Themen, welche Szenarien den meisten Raum bekommen. Er kann auch versuchen, die Modellwelt und vor allen Dingen das Narrativ prägen, intern, aber vor allen Dingen natürlich auch die Kommunikation nach außen, die kann er wirklich dominieren. Das heißt, die Pressekonferenz, die Auftritte im amerikanischen Kongress, die gesamte Story, mit der die Fed dann ihre Politik erklärt, auch gegenüber der Öffentlichkeit, gegenüber der Presse. Und was man auch nicht vergessen darf, im aktuellen Umfeld, also ein Chair Hassett, der hätte natürlich einen direkten Draht zu Donald Trump und er könnte auch versuchen, Einfluss darauf zu nehmen, über Trump, wer dann künftig für offene Sitze im Board nominiert wird. Also wenn es um die Personalpolitik geht. Also, wenn ich es nochmal zusammenfassen darf, in der Praxis heißt das, der Fed Chair Hassett, der könnte schon die Richtung der Fed sehr stark vorgeben, aber er muss natürlich seine Kolleginnen und Kollegen mitnehmen und ohne Mehrheiten im FOMC, da gibt es keine Zinssenkung, egal was dann der Chair persönlich gerne machen würde.

Titus Kroder:

Wenn er eben aber nun doch nicht nur der vernünftige Mainstreamer ist, der Ökonom der klassischen Ausrichtung, sondern eben auch recht querulantisch politisch agieren kann, wie du ja eben geschildert hast. Ist da die Chance nicht groß, dass es auch zum offenen Streit, ja sogar zum Eklat kommen kann bei künftigen Zinsentscheidungen?

Andreas Rees:

Da ist jetzt ganz viel Spekulation dabei, wir reden jetzt nicht mehr über Volkswirtschaft, das sind jetzt politische Szenarien, was wäre wenn, aber ihr könnt es ja mal versuchen durch zu deklinieren. und unterstellen wir mal einen sehr Dovishen Chair Hassett, der schneller und stärker senken will, dann denke ich, dann gibt es grob gesprochen 3 Szenarien oder Reaktionsmuster im FOMC. Also erstens mal das leise Mitgehen, also Band not break, würde ich jetzt sagen. Viele Gouverneure könnten politisch dann nicht als Blockierer gegen den Präsidenten und gegen den Fedshare dastehen möchten und die würden dann in dem Szenario die Zinssenkung größtenteils mittragen, solange eben die Inflation jetzt nicht völlig aus dem Ruder läuft. Also die Politik der Fed würde dovisher werden, ohne dass jemand öffentlich auf den Tisch haut. Und ich denke nicht alle, aber viele der Entscheidungsträger würden diesen Weg wohl gehen wollen. Dann haben wir ein zweites Szenario, das würde ich mal so als technokratischer Widerstand bezeichnen. Das könnte vor allen Dingen durch die regionalen Fed-Präsidenten herkommen, also die traditionell eher so 'n bisschen auf der Hawkische Seite sind, also die Zinserhöhungen haben möchten oder eben bei dem höheren Leitzinsniveau bleiben möchten. Also die könnten dann in den Sitzungen immer wieder warnen vor Inflation. Vor Glaubwürdigkeitsrisiken und die könnten notfalls auch dagegen stimmen. Also das würde man dann sehen in den Protokollen durch ungewöhnlich viele Gegenstimmen und auch in einem vielleicht sehr scharfen Ton in ihren Reden nach außen und für Anleger hätte das dann auch eine wichtige Implikation. Es würde dann, denke ich, noch mal schwieriger werden bei der Interpretation und bei der Einordnung dieser Reden. Also die Kakophonie in der öffentlichen Kommunikation, die würde zunehmen, aber am Ende würde sich dann nicht so wahnsinnig viel dran ändern, also an der Leitzinspolitik. Es würden dann vermutlich niedrigere Leitzinsen kommen. Und dann hätten wir noch das dritte Szenario. Das wäre dann der echte Lagerkampf, wenn Hassett wirklich jetzt sehr schnell sehr stark lockern will, obwohl die Inflation zum Beispiel bei 3% liegt oder sogar höher, dann könnte sich eine andere Fraktion herausbilden, die eben im Namen der Preisstabilität oder niedriger Inflationsraten auftritt. Und in dem Szenario, ich kann mir das nicht so richtig vorstellen, aber in dem Risikoszenario wäre auch ein Eklat und ein Machtkampf innerhalb der Fed vorstellbar. Also ich denke, es wäre die Ausnahme, aber man kann es natürlich nicht vollkommen ausschließen. Also in dem Risikoszenario, sollte es dazu wirklich kommen, das wäre dann für die Anleger, für die Finanzmärkte schon ein sehr lauter Stresstest für die Unabhängigkeit der Fed. Und dann würden wir vielleicht auch entsprechend scharfe Marktreaktionen sehen.

Titus Kroder:

Also doch drei sehr spannende Varianten, die da auf uns zukommen könnten. Wenn die Fed nun tatsächlich 2026 drastisch die Zinsen. Senkt bekommen dann nicht nur die Amerikaner, sondern auch wir in Europa eigentlich diese eingangs erwähnten Zinsgeschenke, also niedrigere Häuslebauer, Zinsen, günstigere Kredite und so weiter? Oder ist die Sache doch komplizierter?

Andreas Rees:

Ja, es ist natürlich, wie so oft, komplizierter. Also zunächst einmal würde eine aggressive Fett-Lockerung den Zinsabstand zwischen den USA und der Eurozone verkleinern. Das könnte dann tendenziell für einen schwächeren US-Dollar sprechen und für einen stärkeren Euro. Und klar, natürlich für europäische Urlauber in den USA ist das eine schöne Geschichte, aber für die exportorientierten Unternehmen in der Eurozone, das wäre natürlich erheblicher Gegenwind. Gleichzeitig ist es so, ein stärkerer Euro-Wechselkurs, der drückt dann die Importpreise aus der europäischen Perspektive und damit auch den Inflationsdruck. Das kann natürlich dann halt eben die Konjunktur zusätzlich dämpfen und das würde dann eben auch bedeuten, die EZB würde über kurz oder lang den Leitzins senken. Was ich nicht denke, ist, dass die EZB jetzt automatisch im Gleichschritt hinter der Fed herläuft. Sie betont ja immer wieder ihre Datenabhängigkeit und den Fokus auf auf die Lage im Euroraum, aber sie kann eben den Wechselkurs und den Wachstumseffekt nicht ignorieren. Und wenn sich dann eben das abzeichnet, was ich gerade beschrieben habe, dann steigt auch in der Eurozone der Druck, die Zinsen zu senken, wahrscheinlich eben mit etwas Verzögerung und in kleineren Schritten, als das die Fed dann tun würde.

Titus Kroder:

Philipp, wie schätzt du denn, wie schätzen die Märkte bisher denn die Möglichkeit ein, dass Hassett die Zinsen aus lauter politischem Gehorsam heraus so weit und so lange senkt, dass die Inflation vielleicht wieder aus dem Ruder läuft? Damit könnte er sogar auch Trump innenpolitisch ein ziemliches Bein stellen, wenn die Amerikaner, wie derzeit ja der Fall, nun immer mehr das Thema Lebenshaltungskosten auch als Wähler umtreibt.

Philipp Gisdakis:

Ja, Titus, das ist eines der großen politischen Themen in den USA, denn die Lebenshaltungskosten oder Leistbarkeit Affordability Crisis, wird das ja auch im Englischen bezeichnet, ist 'n ganz zentrales politisches Thema, was wir auch jüngst gesehen haben, anhand der Wahlsiege von Zoran Mamdani als Bürgermeister in New York oder Abigail Spanberger, Gouverneurin in Virginia oder auch Mikey Sheryl, Gouverneurin in New Jersey. die ja auf dem Thema Affordability oder Leistbarkeit tatsächlich aufsehenerregende Wahlsiege gewonnen haben. Und das parteipolitische Spannungsfeld und nicht das geldpolitische Spannungsumfeld, das besteht darin, dass man ja einerseits durch 'ne lockere Geldpolitik ein günstiges Kapitalmarktumfeld für die Mid-Term-Elections nächstes Jahr schaffen möchte. Und die Mid-Term-Elections sind sehr essentiell, denn üblicherweise schwinkt ja sozusagen das politische Pendel in den Midterm Elections wieder zurück zu der Partei, die eben nicht das Weiße Haus besetzt. Und das könnte dann eben dazu führen, dass der Präsident dann in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit eine lahme Ente, eine Lame Duck ist. Und dieses politische Spannungsumfeld möchte man dadurch auflösen, dass man die Wahlchancen aus Sicht des Weißen Hauses erhöht, indem man eben über eine lockere Geldpolitik günstige Aktienmarktbedingungen schafft, weil wenn die Aktienmärkte steigen, fühlen sich viele Wähler gut und wählen dann, so ist die Hoffnung, den Amtsinhaber. Gleichzeitig besteht aber, wie du das ja schön dargestellt hast, auch das Risiko, dass eine lockere Geldpolitik die Inflation antreibt und damit eben dieses Leistbarkeitsproblem weiter verschärft, dass viele Wähler und insbesondere die von einkommensschwächeren Schichten, also durchaus eben sozusagen das Magerumfeld, also die Trump-Wähler, denen bereitet das große Probleme und aus politischer Sicht könnte hier so ein bisschen so ein Timing der Effekte wichtig sein, denn was wirkt schneller, die starken Aktienmärkte bis zu der Wahl nächstes Jahr versus in der Inflationsdynamik, die möglicherweise ein bisschen später kommen könnte. Das werden vermutlich im kommenden Jahr ganz wesentliche Themen sein.

Titus Kroder:

Aktien und Geldpolitik, reden wir gleich noch drüber. Zunächst mal noch eine Frage zu den Schwellenländern, also diese alle Erwachsenen mit noch nicht so hoch entwickelten Volkswirtschaften. Die habt ihr im aktuellen Anlageausblick 2026 auf Übergewichten gesetzt. Der Dollar spielt ja in dieser Assetklasse auch immer eine gewisse Rolle. Habt ihr diese Entscheidung schon mit der Erwartung einer weicheren Zinspolitik perfekt getroffen?

Philipp Gisdakis:

Das ist tatsächlich so. Das haben wir im Kompass 2026, das ist unsere Ausblickspublikation, den verlinken wir in den Shownotes als zentrales Thema. Da sind wir Schwellenländer Aktien ins Übergewicht gegangen, wir hatten die Schwellenländer Anleihen schon vorher im Übergewicht. Warum? Historisch profitieren Schwellenländer Anlagen, also Aktien und Anleihen, von einem schwächeren US-Dollar und moderaten beziehungsweise sinkenden US-Zinsen. Warum ist das der Fall? Weil viele Regierungen, wie auch Unternehmen in den Schwellenländern, sich häufig in sogenannten harten Währungen, also im US- Dollar und im Euro, verschulden und wenn. die dann die Währungen dann gegenüber den Schwellenländern, Währungen, den Heimatwährungen dieser Länder schwächer werden, dann wird die Schuldenlast geringer. Das Gleiche passiert auch, wenn sozusagen die Renditen im US- Dollar dann fallen. Ganz wichtig ist dabei aber, dass so ein Umfeld von einem schwächeren US- Dollar und niedrigeren US- Dollar Zinsen natürlich nicht in einem Umfeld stattfinden sollte, in dem die US-Wirtschaft in 'ne Rezession oder in 'ne Krise geht, weil dann würde nämlich den Schwellenländern die Nachfrage wegbrechen. Und genau dieses Umfeld dass wir von einem schwächeren US-Dollar sinkenden Zentralbankzinsen in den USA ausgehen, bei gleichzeitig starker Wirtschaft in den USA. Das ist eigentlich genau das Umfeld, von dem Schwellenländer profitieren sollten.

Titus Kroder:

Mhm, die Rentenmärkte, die geben ja jeweils immer recht schnell Auskunft darüber, was Finanzkreise für eine Zinsentwicklung erwarten. Das kann man am besten an den unterschiedlichen Verzinsungen von Staatsanleihen ablesen. Was sieht man da derzeit, wenn wir da drauf schauen, was lässt sich da für die Zukunft absehen?

Philipp Gisdakis:

Da ist, glaub ich, ganz interessant, mal ein Blick in die Vergangenheit zu werfen. Denn seit Beginn des aktuellen Zinssenkungszyklus der Federal Reserve, der ist im Dezember 2024 begonnen, sind eigentlich nur die kurzfristigen Renditen gefallen, also die zweijährigen US- Treasuries. die zehnjährigen US-Treasuries Renditen sind seit Dezember 2024 unverändert und die langen, die dreißigjährigen, die sind höher, zum Teil sogar deutlich höher zwischenzeitlich gewesen. Und das liegt daran, dass da eine Risikoprämie eben für mögliche Inflationsrisiken eingepreist worden ist. Und das ist interessant, denn eigentlich erwartet man ja, dass die Zentralbank die Zinsen senkt, nicht nur um Zinspapiere mit kurzen Laufzeiten in den Kosten zu senken, sondern die gesamte Kurve und das ist eben nicht passiert und die Märkte, wie auch wir in unserem Ausblick, erwarten keine deutlichen Renditerückgänge trotz dieser Zinssenkungen. und das ist schon, sag ich mal, ein Ausrufezeichen, dass die Märkte hier in bezüglich der Zinspolitik und der Geldpolitik der Federal Reserve setzen.

Titus Kroder:

Warum haben die Märkte insgesamt denn nicht stärker reagiert? Es würde mit diesem Fed-Chef Kevin Hasset ja doch sehr wahrscheinlich ein grundlegend neuer und ja auch mit Risiken befrachteter zinspolitischer Ansatz angewendet werden. Warum dann doch diese merkwürdige Gelassenheit an den Märkten?

Philipp Gisdakis:

Weil eine langfristige Frage dahinter steht und die hat der Andreas vorhin schon angesprochen, nämlich die Frage, wie sich künstliche Intelligenz, AI, auf die Inflation auswirkt. Mhm, und da sehen Kevin Hassett, aber eben auch viele Marktteilnehmer, die Sichtweise, dass das mittel bis langfristig tatsächlich inflationsdämpfend wirken sollte. Das ist etwas, was nicht überraschend ist und was wir auch in den vergangenen Jahrzehnten schon mal gesehen haben, nämlich in den 90er Jahren, als die erste Technologiewelle angerollt ist, die dann zu der sogenannten Dotcom-Bubble geführt hat. Auch damals hat man erwartet, dass diese Innovationen zu Produktivitätssteigerungen führen. Und damit inflationsdämpfend wirken. Damals hat der damalige Fed-Chef Alan Greenspan auch eine eher lockere Geldpolitik gefahren. in Erwartung, dass eben diese Innovationen inflationsdämpfend wirken und das hat sich auch als richtig herausgestellt. Wir haben sozusagen von Ende der 90er bis weit in die Nuller und in die Zehner Jahre, ja eigentlich bis sozusagen nach der Corona-Krise, eine Phase von sehr niedrigen Inflationsraten gehabt, zum Teil sogar Deflation. Und dieses Thema der Desinflation, die durch künstliche Intelligenz kommen könnte, ist vermutlich etwas, was die Geldpolitik in den USA unabhängig von der politischen Couleur vermeiden möchte. Denn wenn die USA in eine Deflationsspirale kommen sollte bei den hohen privaten und öffentlichen Schuldenständen, könnte es sehr, sehr schwierig werden. Eine sogenannte Dead Deflation, also sozusagen ein Schuldenproblem gleichzeitig mit einer Deflationsspirale, ist Umfeld, mit dem die Zentralbank sehr schwer nur umgehen kann. Und deswegen könnte es sein, dass mittel bis langfristig die amerikanische Zentralbank sich lieber auf der Richtung der Tolerierung von höheren Inflationsraten irrt, als dass sie eben eine zu strikte Geldpolitik einschlägt, die dann eben in Richtung einer Deflationsspirale führen könnte.

Titus Kroder:

 Aktien und Geldpolitik, das ist eine enge Dauerbeziehung. Das Zinsniveau bestimmt ja eben auch im Unternehmenssektor, zu welchen Kosten sich Firmen finanzieren können, aber es gibt weitere Aspekte. Die Märkte haben in der Vergangenheit im Hinterkopf oft damit gerechnet, dass die Notenbank Präsidenten die Aktienkurse schon vor einem zu starken Absturz bewahren werden, indem sie eben die Geldpolitik locker gestalten. Was lässt sich da für die aktuelle Lage aus deiner Sicht sagen?

Philipp Gisdakis:

Ja, auch da gilt wieder der Name des Fed Präsidenten, den ich bereits genannt hab, Alan Greenspan, hier als namensgebend. Denn damals in den Neunzigern sprach man von dem sogenannten Greenspanput. damit ist jetzt nicht ein echtes Finanzinstrument, also eine Verkaufsoption gemeint, sondern eben die Absicherung, die die Zentralbank einzieht unter. die Aktienmärkte sozusagen. Was steht da dahinter? Da steht dahinter die Vorstellung, dass große Teile der Bevölkerung in den USA, die den steigenden Konsum ausmachen, eben ihren Wohlstand und damit ihre Konsumneigung an die Entwicklung der Aktienmärkte hängen. Das könnte eben ein wichtiger Anreiz sein für die Federal Reserve, hier dafür zu sorgen, dass falls der Aktienmarkt schwächer werden sollte, eben hier keinen zu großen Absturz zuzulassen, weil das eben dazu führen könnte, dass dann über den schwachen Aktienmarkt und die Korrelation mit dem Konsum das Ganze in Richtung Rezession geht. Und das ist etwas, worauf die Märkte eben gucken, weil eben sozusagen ein schwacher Aktienmarkt in den USA selbst verstärkende Effekte haben könnte. Und auch vor diesem Hintergrund wird die erwartete lockere Geldpolitik in den USA da gesehen.

Titus Kroder:

Vielen Dank, Andreas, vielen Dank, Philipp, für diese spannende Analyse, muss ich sagen. Kevin Hassett geht bisher im Weißen Haus aus und ein, wie gesagt, der wichtigste Wirtschaftsberater von Donald Trump. Dass er von zu Hause bald ein paar Straßen weiter zur US-Notenbank zurücklegen muss, gilt, wie gesagt, nun als sehr wahrscheinlich und das Marktbriefing wird die Sache, wie alle weiteren Entwicklungen, die für Anleger und Unternehmer wichtig sind, natürlich auch 2026 weiter eng verfolgen. Das war's von uns vom Team HVB Marktbriefing für dieses Jahr. Wir wünschen allen unseren Fans, Hörerinnen und Hörern schon mal entspannte Weihnachtsfeiertage und ein paar Geschenke, wenn auch vielleicht noch keine Zinsgeschenke. Kommen Sie gut rüber nach 2026. Das Marktbriefing gibt es wieder am 12. Januar zum Download, vollgepackt mit Einschätzungen und aktuellen Analysen unserer Experten. Wir wünschen Ihnen derweil eine schöne Zeit. Wir, das sind …

Andreas Rees:

Andreas Rees …

 

Philipp Gisdakis:

Philipp Gisdakis …

Titus Kroder:

Und Titus Kroder. Bis zum nächsten Mal.