WM 2026: Fußball Prognose – kennen wir schon den Sieger?
Andreas Rees:
Diese Fußball-WM, die hat wirklich eine völlig neue Dimension. Zum ersten Mal 48 Länder, die teilnehmen, insgesamt 104 Spiele. Dann wird in 3 Ländern gleichzeitig gespielt: Kanada, Mexiko und die USA. Und dadurch haben wir auch enorme Entfernung.
Manuel Neuer ist nicht in dem Modell enthalten. Es ist ein makroökonomisches Fußballmodell. Das guckt nicht auf einzelne Spieler. Laut Modell trifft Deutschland in der Runde der letzten 16 auf Frankreich. Ausnahmsweise hoffe ich jetzt dieses Mal, dass das Modell zumindest mit der deutschen Prognose an der Stelle falsch liegt.
Titus Kroder:
Hallo und herzlich willkommen zum HVB Markt-Briefing.
Wären wir heute im Live-Fernsehen und schon mitten im Juni, dann würde ich Sie vielleicht so begrüßen: Herzlich willkommen im weiten Rund des Houston Stadiums in Texas, wo Deutschland in wenigen Minuten seine erste WM-Partie 2026 gegen Curacao anstoßen wird. Wir lassen im Podcast heute mal alle beunruhigenden Nachrichten rund um Trump, Iran und Energiekrise hinter uns und verhandeln stattdessen mit dem Fußball-Gott. Wir wollen der nicht 100% ernst gemeinten, aber doch mathematisch professionell umgesetzten Frage nachgehen, ob sich der Weltmeister 2026 vielleicht mit einem ökonomischen Modell schon heute ermitteln lässt und was es sonst noch für interessante wirtschaftliche Fakten zu dieser Mammut-WM in Nord-und Mittelamerika gibt, die nächste Woche Donnerstag startet.
Andreas Rees, Chefvolkswirt der HVB, steht bereit, quasi schon im schwarz-rot-goldenen Fan-Trikot. Er hat die wirtschaftlichen Fakten parat und das Know-how wie man den Weltmeister mit einem Modell schon heute ermitteln könnte. Andreas, grüße dich.
Wie groß ist eigentlich deine Liebe zum Fußball und für welchen Verein brennt denn die Familie Rees normalerweise?
Andreas Rees:
Ja, hallo Titus, grüß dich. Ich bin schon fußballbegeistert, das interessiert mich, nicht nur der Fußball an sich, das ganze Drumherum, da lese ich auch gerne Bücher darüber und ich freue mich jetzt wirklich sehr auf die WM. Wir haben in der Familie noch 2 größere Fußballfans, unsere beiden Söhne, Maximilian und Sebastian. Gerade wenn es jetzt um aktuelle Spieler geht, Transfers und so weiter, also da muss ich jetzt ehrlicherweise zugeben, da haben die beiden mich schon abgehängt. Also, wenn wir uns Fußballspiele anschauen und ich kenn dann einen Spieler nicht, dann ernte ich schon mal ungläubige Blicke oder werde auch schon mal zurechtgewiesen.
Und die Lieblingsvereine, wenn ich das auch noch sagen darf, ich komm ja aus dem Badischen und der
SC Freiburg hat wirklich eine ganz tolle Saison gespielt, auch wenn es am Schluss dann im europäischen Finale nicht ganz ausgereicht hat, aber das war schon wirklich toll. Meine Frau ist jetzt nicht ganz so fußballbegeistert, aber sie kommt aus Tirol und sie drückt jetzt Österreich bei der Fußball WM die Daumen. Die Österreicher haben sich jetzt zum ersten Mal seit 1998 wieder für eine Fußball WM qualifiziert.
Titus Kroder:
Italien ist zum dritten Mal nicht dabei bei der WM in den USA, Mexiko und Kanada, trotz bereits 4 Turniersiegen. Die HypoVereinsbank gehört zur italienischen UniCredit Group. Ich meine mal, da muss man schon mal fragen, wie ist denn die Stimmung dieser Tage bei den Kollegen in Mailand? Wie ist die Stimmung der Tifosi bei der UniCredit gerade?
Andreas Rees:
Ja, Titus, also schwieriges Thema. Ich habe eine kleine Fußballanalyse zur WM veröffentlicht und darüber sprechen wir ja auch noch gleich.
Es hat nur ein paar Minuten gedauert, dann habe ich schon die erste E-Mail aus Mailand gekriegt, nach dem Motto: 'Andreas, jetzt streust du aber Salz in unsere Wunden.' Italien ist jetzt zum dritten Mal in Folge, nicht bei einer Fußball-WM dabei und das ist natürlich für so ein fußballbegeistertes Land wie Italien. Das ist schon eine harte Nuss. Also mir tut es schon leid. Ich arbeite mit vielen italienischen Kollegen zusammen und die waren schon geknickt, als sie dann gegen Bosnien-Herzegowina rausgeflogen sind. Aber wenn ich jetzt mal eine Prognose wagen darf für Italien die nächsten Jahre, also ich glaub schon, dass Italien großes Potenzial hat, weil wenn man sich mal so anguckt, die U17, die U19 und die U20, diese Mannschaften, die waren bei Europa und Weltmeisterschaften sehr erfolgreich. Also ich glaube, da kommt ein großes Talentpool und das wird sich dann auszahlen. Ja, dieses Mal sind sie leider nicht dabei.
Titus Kroder:
Noch ein Hinweis, dass gerade von dir erwähnte Research Paper ist in den Show-Notes dieses Podcast verlinkt.
Lass uns die wichtigen Wirtschaftsdaten kurz unter die Lupe nehmen: Das Turnier ist riesig, über 100 Partien an über 15 Spielorten, tausende Restaurantbesuche, die Hotelübernachtungen, die Fanartikel, die Mietwägen und Flugtickets, das alles muss, doch eine ziemliche Sonderkonjunktur für die Wirtschaft Nordamerikas bedeuten. Wie groß ist der Effekt, den wir da erwarten dürfen?
Andreas Rees:
Also, das könnte man meinen, dass das jetzt ein riesiges Konjunkturprogramm ist, aber das ist es eigentlich nicht. Also, es gibt eine offizielle Analyse dazu, an der auch die FIFA mitgearbeitet hat und die Kurzversion ist jetzt, dass der gesamtwirtschaftliche Wachstumsschub sich wirklich in ganz überschaubaren Grenzen hält. Also ein Beispiel, die Schätzung für die USA da geht man von einem Plus für das USBIP von 17 Milliarden US-Dollar aus. Das klingt jetzt erstmal gar nicht so wenig, aber man muss wissen, das jährliche BIP in den USA, das beläuft sich so auf rund 30.000 Milliarden US-Dollar. Also wir reden hier von 0,05%, das ist jetzt wirklich nicht viel, das kann lokal vielleicht schon eine gewisse Rolle spielen oder auch für einzelne Unternehmen, aber gesamtwirtschaftlich ist das fast gar nichts.
Titus Kroder:
Kommen wir noch auf das Thema Ticketpreise. Der DFB hat ja zu Beginn des Jahres ausgerechnet, dass es ein Fan der deutschen Nationalmannschaft bis zu 14.000€ kosten kann, wenn er oder sie die 11 von Julian Nagelsmann bis ins Finale vor Ort begleiten möchte. Ticketpreise sind ein besonderer Aufreger dieser WM. Wie blickst du auf dieses kontroverse Thema?
Andreas Rees:
Ja, das ist natürlich schon ein sehr sensitives Thema und es ist richtig, die Ticketpreise, die sind schon sehr stark angestiegen. Wenn man sich mal anschaut, der Preis für das Endspiel am 19. Juli, also Kategorie 1 Ticket und das sind die offiziellen Preise, da muss man rund 8.700 US-Dollar bezahlen.
8.700 Dollar und das ist eine Verfünffachung im Vergleich zur WM in Katar. Also das ist schon gewaltig und wie gesagt, das sind die offiziellen Preise. Es gibt auch einen Sekundärmarkt, bei der man auch offiziell noch höhere Preise verlangen kann und die werden auch abgerufen. Jetzt muss ich fairerweise dazu sagen, die FIFA hat auch Kartenkontingente angeboten zu deutlich niedrigeren Preisen, zum Beispiel 10% des nationalen Kontingents, die werden für 60 Dollar angeboten oder sind schon angeboten worden. und 40% zu Preisen, die liegen so zwischen 150 Dollar und 300 Dollar je nach Spiel. Aber ab dem Viertelfinale, da wird es dann schon wieder deutlich teurer. Es geht ja nicht nur um die Ticketpreise, sondern es kommen natürlich auch noch andere Kosten auf die Fußballfans dazu, Übernachtung, Flugkosten, Essen und so weiter. Ich habe mir das mal angeguckt für New York. Da finden insgesamt 8 Spiele im New Jersey Stadion statt, unter anderem auch Deutschland, Ecuador und dann das WM-Finale. Und was mir da wirklich besonders aufgefallen sind, neben den Ticketpreisen, wenn man sich die Preise für die öffentlichen Transportmittel an den Spieltagen anschaut, da muss man für ein Ticket fast 100 Dollar bezahlen. Ursprünglich waren es sogar 150 Dollar geplant. Also das finde ich schon sehr, sehr happig und deshalb ist es auch nicht so verwunderlich, wenn man sich jetzt die Hotelbuchung anschaut. Zum Beispiel in New York, die sind deutlich unter den Erwartungen geblieben und ja, vermutlich ist es halt die Kombination, hohe Preise, dann haben wir noch ein paar andere Themen wie Visa oder Visa Hürden, vielleicht sogar auch geopolitische Bedenken mit der Trump Administration. Ja, und dann bleiben halt auch die Buchungen unter den Erwartungen.
Titus Kroder:
Warum ist diese Fußball-WM in Nordamerika eigentlich so etwas Besonderes? Mal vom Blickwinkel des Turnierablaufs betrachtet, das ist nicht so, wie es eigentlich immer war. Wo liegen da die Besonderheiten? Kannst du das mal erklären?
Andreas Rees:
Ja, Titus, du hast es ganz kurz angesprochen, also diese Fußball-WM, die hat wirklich eine völlig neue Dimension. Wir haben zum ersten Mal 48 Länder, die teilnehmen, statt bislang 32, Das heißt, wir haben insgesamt 104 Spiele, dann wird in 3 Ländern gleichzeitig gespielt. Das hatten wir auch noch nicht, Kanada, Mexiko und die USA und dadurch haben wir auch enorme Entfernung, zum Beispiel Vancouver, über Toronto hin zu L.A., New York, Mexico City und so weiter. Und ich habe das nachgeschlagen, die längste Distanz zwischen 2 Stadien, die liegt bei fast 4.500 Kilometern. Also, das ist ungefähr die Entfernung von London nach Bagdad. Das ist schon gewaltig. Wenn man jetzt mal überlegt, so ein bisschen fußballerisch, was heißt das eigentlich? Dann würde ich sagen, fußballerische Qualität allein wird nicht ausreichen bei der WM. Da gibt es andere Faktoren, die vermutlich auch eine wichtige Rolle spielen, zum Beispiel der Reiserhythmus, dann die Zeitumstellung durch die verschiedenen Zeitzonen. Es gibt unterschiedliche klimatische Bedingungen, Regeneration der Spieler. Also das wird vermutlich alles eine wesentlich größere Rolle spielen als bei den früheren Turnieren. Und außerdem haben wir ja durch die hohe Anzahl der 48 Teilnehmer eine zusätzliche Runde. Das nennt sich die Runde der letzten 32. Da kommt noch mal ein Spiel dazu und da könnte dann auch der Zufall eine größere Rolle spielen.
Titus Kroder:
An dieser K.O. Runde nehmen, wie du gerade gesagt hast, 32 Teams teil. Das ist neu. K.O. heißt in dieser Runde 'Wer verliert, fährt heim' ist bekannt, weil das ja doch nicht so einfach zu verstehen ist. Wie geht das dann bei dieser Runde im Detail vor sich? Wie kann man sich das als Fan vorstellen?
Andreas Rees:
Ja, diese Zweiunddreißiger Runde, das ist so eine Art Fußball-Sudoku. Also ich meine es im Ernst, es ist echt kompliziert. Als ich mir das angeguckt habe, als ich angefangen habe zu schreiben mit dieser Fußballanalyse, da hat es mich schon ein bisschen umgehauen, weil ich das gar nicht auf dem Schirm hatte. Aber ich fange jetzt mal noch mal von ganz vorne an und versuche es ganz kurz zu erklären.
Das Turnier beginnt mit 12 Gruppen, mit je 4 Mannschaften und die ersten beiden Teams jeder Gruppe qualifizieren sich direkt. Also das ist so wie gehabt wie bei früheren Turnieren. Was jetzt aber neu ist, das ist, dass die 8 besten Gruppendritten sich auch noch qualifizieren, eben für diese Runde der letzten 32 und diese besten Gruppendritten, die werden nach Punkten und Tordifferenz sortiert und wenn es dann noch Gleichstände gibt, dann schaut man sich die Anzahl der erzielten Tore an. Fairplay und wenn es dann immer noch keine Unterschiede gibt, dann wird auch sogar noch die FIFA-Rangliste herangezogen. Das sagt schon vieles aus. Soweit kann man das vielleicht noch gut nachvollziehen, aber dann wird es echt unübersichtlich. Denn wenn die 8 besten Gruppentritten feststehen, dann greift ein vorab festgelegter FIFA-Spielplan. Und dieser Spielplan bestimmt dann, welcher Gruppensieger gegen welchen Gruppentritten spielt. Und weil es eben 12 Gruppensieger gibt und 8 Gruppendritte, also die besten 8, dadurch entstehen 495 mögliche Kombinationen. Also, ich sag das noch mal, fast 500 mögliche Spielkombination. Und für diejenigen, die es mir jetzt nicht glauben oder einfach mal nachgucken wollen, es gibt auf Wikipedia so eine Art Matrix, da kann man das dann noch mal genau nachlesen. Also unter Prognosegesichtspunkten, wenn man jetzt den Ausgang der Fußball WM prognostizieren will, dann ist es natürlich der absolute Albtraum, weil wahrscheinlich der Zufall halt doch eine größere Rolle spielen könnte als früher.
Titus Kroder:
Jetzt kommen wir doch gleich mal zu deiner Prognose. Du fütterst da historische Fußballdaten in ein empirisches Modell, würde man als Ökonom sagen. Was gibt es da an Erkenntnissen, bevor wir da noch weiter ins Detail gehen?
Andreas Rees:
Titus, das hast du schon mal sehr schön erklärt, was ich da gemacht habe. Also, ich finde, eine Erkenntnis wirklich interessant, weil wir alle wissen, dass Fußball ein globaler Sport ist. Aber wenn man sich dann mal die Weltmeister anschaut, wer dann am Ende gewinnt, das ist wirklich ein kleiner, elitärer Kreis von ganz wenigen Ländern. Der Volkswert würde jetzt sagen, da gibt es ein Cluster.
Als Beispiel, Brasilien ist bislang fünfmal Weltmeister geworden, dann Italien und Deutschland jeweils viermal, Argentinien dreimal, Uruguay, Frankreich jeweils zweimal und dann noch einmal England und einmal Spanien und das war es dann schon. Also bei 22 Turnieren, obwohl Fußball der globale Sport schlechthin ist, haben wir seit dem ersten Turnier, das hat 1930 stattgefunden, nur 8 Länder, die eine Männer-WM gewonnen haben. Also ich find es paradox, aber das ist auch interessant, denn das ist ein Muster und wenn man ein Muster hat, zumindest der Volkswirt denkt dann gleich, da gibt es eine Regelmäßigkeit, der Erfolg beim Fußball, der ist nicht zufällig und wenn es eben Regelmäßigkeiten gibt in der Vergangenheit, dann kann man eben auch ein kleines Modellchen entwickeln und genau das haben wir auch gemacht.
Titus Kroder:
Werden wir jetzt noch mal einen Schritt konkreter, welche Erklärungsgrößen gehen denn nun tatsächlich in ein solches Erklärungsmodellchen ein bei dir?
Andreas Rees:
Ja, zuerst muss ich mal sagen, Titus, bevor ich das erkläre, es war für mich Spaß. Und auch der Podcast heute, der soll ein bisschen Spaß machen für alle, die zuhören – Infotainment. Wir haben in den letzten Monaten, du hast es ja auch schon zu Beginn gesagt, über so viele ernste und auch wirklich so sehr unerfreuliche Dinge gesprochen, da kann man auch mal ein bisschen Spaß haben.
Aber ich muss gleich dazu sagen, jetzt kommt der ernste Teil. Also, es gibt wirklich auch Volkswirte für die sind Fußballprognosen kein Spaß. Also, ich bin jetzt nicht, aber man kann das wirklich sehen für einige Volkswirte. Das ist harte Arbeit, denn es gibt nämlich schon einige von Volkswirten verfasste Artikel in wissenschaftlichen Berichten genau zu dem Thema. Das gibt es wirklich. Es gibt nämlich im Bereich Sportökonomie, der sich mit allen möglichen Aspekten auseinandersetzt und dazu gehört auch Fußball. Es gibt sogar diesen ernsthaften Anspruch und wenn man sich diese Artikel mal durchliest, dann werden insbesondere 2 Faktoren besonders hervorgehoben zur Prognose einer Fußball-WM.
Einmal das BIP pro Kopf und dann die Bevölkerungsgröße, also BIP. Dann hat man als Volkswert die Idee, dass Erfolg wirtschaftliche Ressourcen braucht, also Geld, Infrastruktur, Trainingszentren, medizinische Betreuung und so weiter. Und die Volkswirte-Denke, die ist, dass man sagt, je mehr Ressourcen ein Land einsetzen kann, umso erfolgreicher müsste das Land eigentlich sein. Also klassisch die Volkswirte-Denke.
Bei der Bevölkerungsgröße, da wird argumentiert, dass ein Land mit vielen Menschen über einen größeren Talentpool verfügen müsste. Solche Argumentation, die findet man wirklich sehr oft in diesen Artikeln, aber so ganz überzeugend finde ich es jetzt nicht. Einmal bei den Ressourcen, Fußball ist nicht die Formel 1, also man braucht jetzt keinen milliardenteuren Windkanal, um einen guten Linksaußen zu entdecken. Gerade wenn es jetzt um den Jugendbereich geht, das ist ja nicht kapitalintensiv, da reicht ein Ball, ein Bolzplatz, ein paar Kinder und auch mit der Größe der Bevölkerung, ich hab das auch mal ausprobiert, da gibt es zumindest nach meinen Berechnungen keinen signifikanten Einfluss für den Fußballerfolg, weil das ist halt schon ziemlich grob, denn entscheidend ist ja nicht, wie viele Menschen in einem Land leben, sondern wie viele tatsächlich Fußball spielen und wie wichtig der Fußball in einem Land dann tatsächlich auch ist. Das ist auch gut so, ansonsten würden ja immer China und Indien gewinnen bei einer Fußball-WM und das ist eben nicht der Fall. Oder Titel, schau dir mal ganz aktuell die Fußball-WM jetzt an. Wir haben Curacao, das ist eines der Gruppengegner Deutschlands. Curacao hat nur eine Bevölkerung von 150.000, damit ist es das kleinste Land, das sich bislang für eine Fußball-WM qualifiziert hat. Oder die Kapverden, die haben sich auch zum ersten Mal qualifiziert. Die haben eine Bevölkerungsgröße von 500.000. Also so richtig überzeugend finde ich das Ganze nicht.
Titus Kroder:
Jetzt ist es aber doch spannend, wie sieht dieses Modell, dass ihr da erarbeitet habt, denn nun vollständig aufgebaut aus? Ich denke, da gibt es lineare Gleichungen mit entsprechenden Gewichtungsfaktoren und Variablen, je nachdem, wie stark diese Einflussgrößen sind, von denen du gerade gesprochen hast.
Das HVB WM-Siegermodell, welche Größen gehen da konkret ein?
Andreas Rees:
Also einmal eine Variable, die haben wir Fußballkultur genannt. Also, wie wichtig ist Fußball in einem Land? Dann gibt es den Heimvorteil. Also, das war zumindest bei vergangenen Turnieren eine ganz wichtige Größe, denn in 13 von 22 Weltmeisterschaften ist der Gastgeber unter den letzten 4 gelandet. Das ist schon mal eine Regelmäßigkeit und 6-mal wurde der Gastgeber sogar Weltmeister. Also, das scheint wirklich eine wichtige Rolle zu spielen und es gibt auch interessanterweise so etwas wie ein kontinentaler Heimvorteil. Also typischerweise gewinnen europäische Mannschaften das Turnier, wenn es in Europa ausgerichtet wird und die Südamerikaner, die gewinnen dann, wenn das Turnier in Amerika stattfindet. Es gibt bislang nur 2 Ausnahmen, das war einmal Brasilien. Brasilien ist 1958 Weltmeister in Schweden geworden und dann natürlich jeder weiß, dass Deutschland 2014 Weltmeister in Brasilien wurde. Was auch noch eine wichtige Rolle gespielt hat, neben Fußballkultur und neben dem Heimvorteil, das war die fußballerische Leistung vor einer WM. Also, wir haben uns zum Beispiel angeguckt, wie haben europäische Mannschaften bei der Fußball EM vor der WM abgeschnitten oder wie haben die amerikanischen Mannschaften bei der Copa America gespielt? Die Idee ist: Wenn ich eine gute Mannschaft aufgebaut habe und jetzt kommt wieder der Volkswirt durch, der würde jetzt sagen, wenn es Humankapital gibt, also wenn das vorhanden ist, dann spiele ich halt über eine längere Zeit gut und das kann man dann wieder für Prognosezwecke ausnutzen. Und dann gibt es noch eine vierte Variable, die haben wir auch noch in das Modell eingebaut. Das habe ich vorhin schon bei Italien angesprochen, das ist das fußballerische Talentpool von Ländern und das kann man ganz gut messen, indem man sich zum Beispiel das Abschneiden von Ländern anschaut bei den U17 und den U20 Weltmeisterschaften und das kann man dann eben auch für Prognosezwecke nutzen.
Titus Kroder:
Fußballkultur als Modellfaktor, das kommt mir beim ersten Hören ziemlich weich vor, ein wenig wie die Konsumlaune der Verbraucher, die man ja auch nicht so richtig hart messen kann. Wie kann man denn Fußballkultur berechnen und dann eben in so ein Prognosemodell einflechten?
Andreas Rees:
Natürlich kann man nicht so richtig messen, bei der Fußballkultur ist noch mal, um das kurz zu erklären, die Idee ist, es gibt nicht nur ein Land, das Fußball spielt, sondern man muss sozusagen in dem Land Fußball auch leben. Also in manchen Ländern, ich sag jetzt mal in einigen europäischen Ländern oder gerade auch in Brasilien oder in Argentinien, da ist ja Fußball viel mehr. Das ist Identität, ich sag jetzt mal Therapie, nationale Projektionsfläche, vielleicht sogar bis hin zu einer Art Religion. und das kannst du natürlich nicht messen. Aber eben jetzt gerade in einigen den wissenschaftlichen Aufsätzen, da hat man sich mit einem Proxy beholfen, und zwar der Anzahl der Jahre, die ein Land bereits FIFA-Mitglied ist. Je länger Mitglied, umso größer die Fußballbegeisterung. Ich weiß, das klingt jetzt so ein bisschen weit hergeholt und ist natürlich nicht ideal, aber so ganz verkehrt ist es eben auch nicht, denn wenn jetzt ein Land seit vielen Jahrzehnten im internationalen Fußball organisiert ist, dann hat das Land auch tiefere Fußballstrukturen, also Vereine, Ligen, Trainer, Nachwuchsarbeit, Turniererfahrung und so weiter. Das ist jetzt nicht das Gleiche wie Leidenschaft, aber das kommt dem schon ein bisschen nah und das funktioniert überraschenderweise auch ziemlich gut im Modell.
Titus Kroder:
So, und nun wird es wirklich spannend, wer wird denn nun Weltmeister 2026 nach deinem Modell?
Andreas Rees:
Ja, also jetzt kommst du auf den Teil, den ich jetzt nicht so gerne mag, Also, das Modell sagt, dass Argentinien wieder Fußballweltmeister wird nach 2022 und damit wäre Argentinien erst die dritte Mannschaft, die ihren Titel verteidigen kann. Bislang hat es nur Brasilien und Italien geschafft, Brasilien, 1958 und 1962 zweimal hintereinander Weltmeister geworden und bei Italien, da liegt es noch länger zurück, da war das 1934 und 1938. Und ja, also laut Modell neben Argentinien kommen Brasilien, Spanien und Frankreich ins Halbfinale.
Titus Kroder:
Argentinien bisher 3 Sterne am Nationaltrikot für 3 WM-Titel. Demnach würde also nach eurem Modell ein vierter dazu kommen. Wenn ich mir aber jetzt mal die Wettquoten anschaue, dann sieht das ja doch ganz anders aus. Da sind die eben von dir erwähnten Frankreich, Spanien, England, vor allem Spanien sehr gut positioniert. Was taugt da dein Modell noch oder wem soll ich da jetzt glauben?
Andreas Rees:
Ja, mir natürlich – nein, ein Spaß! Du hast recht, was ja schön ist, es wäre ja sonst langweilig, wenn das Modell jetzt genau zu den gleichen Prognosen kommen würde. Ich sag es jetzt mal so, im Volkswirte-Jargon ist das der Non-Consensus-Call. Also, viele setzen in den Wettbörsen auf Frankreich und auch Spanien und ich glaube, danach kommt England und erst dann Argentinien und Brasilien und irgendwann dann auch Deutschland. Also, warum hat das Modell eine andere Denke? Na ja, das Modell setzt halt auf Muster, die in der Vergangenheit aufgetreten sind und das ist halt typischerweise eben der Fall, so wie wir das auch bei volkswirtschaftlichen Prognosemodellen kennen. Bei den Wettbörsen ist es natürlich was anderes, die preisen alles Mögliche ein, Vergangenheitsmuster, aber auch Neuigkeiten über Spieler, die jüngste Performance, vielleicht Gerüchte, eigentlich genauso wie wir das von den Finanzmärkten her kennen. Man versucht alles Mögliche einzupreisen und damit dann in die Zukunft zu blicken. Aber wer dann am Ende recht hat, also ja, Franz Beckenbauer würde sagen, schaun wir mal.
Titus Kroder:
Du hast jetzt noch gar nichts zum Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft gesagt. Was besagen denn die Modelldaten zu den Erfolgschancen von Nagelsmann und seinen Mann und hast du da überhaupt schon die umstrittene Torwartpersonal Manuel Neuer eingearbeitet?
Andreas Rees:
Ja, ja, also das ist der wichtigste Grund, warum ich jetzt so ein bisschen verhalten über das Modell und die Prognose spreche. Weil, es tut mir jetzt leid, aber laut Modell trifft Deutschland in der Runde der letzten 16 auf Frankreich. Ich zitiere jetzt mal Thomas Müller, der hat vor einiger Zeit etwas sehr Treffendes gesagt, und sinngemäß hat er gesagt, die deutsche Mannschaft kann gegen jede Mannschaft gewinnen, aber halt auch gegen jede Mannschaft verlieren. Also finde ich ganz treffend. Ich hoffe natürlich, dass sie gewinnen und möglichst weit kommen werden. Manuel Neuer ist nicht in dem Modell enthalten, es ist ein makroökonomisches Fußballmodell, das guckt nicht auf einzelne Spieler. Normalerweise mag ich Modelle ganz gerne, wie gesagt, als Orientierungsgröße, aber ausnahmsweise hoffe ich jetzt dieses Mal, dass das Modell zumindest mit der deutschen Prognose an der Stelle falsch liegt. Also ich schau positiv drauf, auf die ganze Fußball-WM. und ja, ich freu mich einfach auf das, was da kommt.
Titus Kroder:
Andreas Rees war das, mit den wichtigsten Fakten zur Fußball WM. aus Sicht des Chefökonomen einer Großbank und aus der Perspektive einer methodisch sauberen Ermittlung des WM-Siegers per Prognosemodell.
Der britische Statistiker George Box sagte einmal, im Prinzip liegen alle Modelle falsch. aber einige von ihnen sind eben doch recht nützlich, was ihren Erkenntniswert angeht.
Hoffen wir, dass die deutsche Nationalmannschaft dein Modell, Andreas vielleicht doch noch um dribbeln kann und es ins Finale am 19. Juli in New York schafft. Deutschland, auf geht´s!
Das war das WM-Spezial des HVB Markt-Briefings. Wir bleiben am Ball, was Wirtschaft und Finanzmärkte angeht. Das nächste Markt-Briefing gibt es am 15. Juni.
markt-briefing@unicredit.de. Diese E-Mail kennen Sie, dorthin richten Sie bitte alle Kommentare, Hinweise und vielleicht auch Ihre WM-Tipps.
Es melden sich in zwei Wochen wieder: Andreas Rees und Titus Kroder – bis dahin.