Märkte im Höhenflug: berechtigte Zuversicht oder gefährlicher Optimismus?
Andreas Rees:
Die positive Nachricht ist, wir haben eine Bodenbildung und es gibt ein leichtes Wachstum auch für die Industrie, natürlich von einem niedrigen Niveau aus. Um das noch mal bei aller Vorsicht ganz klar zu sagen, gemessen an dem, was es da alles an Pessimismus gab, noch bis zur Sommerpause. Insgesamt ist es eine erfreuliche Entwicklung. Für mich ist das Glas halb voll und nicht halb leer.
Christian Stocker:
Die Märkte wirken aktuell nicht wirklich euphorisch, aber selbstbewusst. Die haben in den vergangenen Monaten gelernt, geopolitische Risiken, hohe Zinsen und politische Unsicherheit auszublenden. Solange die Gewinnentwicklung die hohen Erwartungen rechtfertigt, sind Rekordstände plausibel. Werden die Erwartungen jedoch verfehlt, dann dürfte die Fallhöhe größer sein als die Aufstiegschancen.
Nikolaus Barth:
Herzlich willkommen zur neuesten Ausgabe des HVB Markt-Briefings. Mein Name ist Nikolaus Barth. Ich bin Wertpapier und Börsenexperte bei der HVB und begrüße Sie sehr herzlich zu dieser Ausgabe. Schön, dass Sie wieder dabei sind.
Wir blicken auf einen spannenden Sommer zurück. Ein Sommerloch habe ich vergeblich gesucht. Aber wie geht es weiter? Was erwartet uns in den nächsten Monaten an den Märkten? Darüber spreche ich heute mit Dr. Andreas Rees, Chefvolkswirt der HypoVereinsbank in Deutschland, und Christian Stocker, leitender Aktienstratege der Bank. Hallo zusammen.
Andreas Rees:
Hallo, grüßt euch.
Christian Stocker:
Hallo zusammen.
Nikolaus Barth:
Wie war euer Sommer?
Andreas Rees:
Ja, war schön, aber nicht schön ruhig. Nikolaus, weil du hast gerade gesagt, also Sommerpause war nicht. Ich weiß gar nicht, wie man das da anders nennen soll. Also, war ziemlich spannend und turbulent.
Nikolaus Barth:
Und deiner, Christian?
Christian Stocker:
Das kann ich nur bestätigen. Ich hatte noch keinen Urlaub, also von daher war noch keine Sommerpause. Ich hab durchgearbeitet und warte jetzt sehnlichst auf die Pause.
Nikolaus Barth:
Also, ich würd sagen, der Sommer war heiß, da kommen wir gleich drauf.
Das HVB Markt-Briefing gibt es ja immer direkt aufs Ohr von uns und wenn sie uns regelmäßig hören, lade ich Sie herzlich ein, das HVB Markt-Briefing am 21. Oktober einmal live zu erleben. Treffen Sie Esther Gárgyán, Philip Gisdakis Andreas Rees und Christian Stocker persönlich in München. Erleben Sie eine Aufzeichnung des Podcasts mit und nutzen Sie die Gelegenheit zum Gedankenaustausch über Ihre Finanzen. Alle Details dazu hänge ich in die Shownotes und die Einladung gleich mit. Die Plätze sind begrenzt. Ich hoffe, wir sehen uns.
Jetzt zurück zum Thema zur Sommerpause. Pause, die wir ja, so haben wir es gerade gehört, nicht erlebt haben. Andreas, was haben wir denn in der Sommerpause gelernt?
Andreas Rees:
Also auf einen ganz kurzen Nenner gebracht, einmal ganz wichtig, der Schaden für die Weltwirtschaft und das Wachstum, insbesondere eben durch den Konflikt zwischen den USA und Iran, der war geringer als erwartet, aber gleichzeitig und paradoxerweise, der Inflationsschaden ist größer, weil eben der Konflikt anhält und die Energiekosten und Inputpreise hoch bleiben. Ja, und ganz spannend eben diese Kombination, das hat die Kapitalmarktzinsen in den USA, aber auch bei uns in Deutschland weiter nach oben getrieben und die Notenbanken, die geraten natürlich durch diese Kombination auch unter Druck, also allen voran die Fed, also 'ne spannende Kombination.
Nikolaus Barth:
Bin ich mal gespannt, ob du jetzt den Podcast schon zusammengefasst hast. Christian, was hast du denn im Sommer gelernt?
Christian Stocker:
Ja, ich hab eigentlich 4 Lektionen gelernt. Lektion 1 war, die Märkte brauchen nicht wirklich auf eine perfekte Makrolage umzusteigen. Sie brauchen lediglich eine Wirtschaft, die besser läuft als befürchtet.
Lektion 2 Der Markt belohnt nicht nur das Exposure in Künstliche Intelligenz, sondern auch nachweisbare Monetarisierungen. Das heißt, Bereiche wie Software, Halbleiter, Infrastruktur, Finanzdienstleistungen, die haben wirklich profitiert schon mal.
Die 3. Lektion, das Umfeld, bleibt hinsichtlich Inflation und Zinsen eher im Bereich „Higher for Longer“. Und die Märkte gehen damit deutlich gelassener um als noch vor 2 Jahren.
Als 4. Lektion, man hat gesehen, Schlagzeilen bewegen die Kurse nur kurzfristig, aber die Unternehmensgewinne, die bewegen die Kurse wirklich langfristig. Und das Fazit zusammengefasst: Ich würde sagen, der Markt hat in diesem Sommer gelernt, mit Unsicherheiten zu leben und genau das macht ihn derzeit so robust.
Nikolaus Barth:
Bei all den Lektionen gibt es für mich jede Menge Gründe, jetzt nachzufragen. Andreas, warum läuft jetzt die Weltwirtschaft doch besser als erwartet?
Andreas Rees:
Der wichtigste Grund dürfte KI sein. Das ist der Grund, warum der globale Wachstumsschock kleiner ausgefallen ist, als viele das befürchtet haben, weil durch KI schon ein massiver Investitionszyklus in den USA entstanden sind. Also, die Hyperscaler, die investieren in Rechenzentren, in Halbleiter, in Server, in die Netze und in die Stromversorgung und das greift eben über, nicht nur auf die USA, sondern auf die gesamte Weltwirtschaft. Das zieht andere Sektoren auch mit nach oben.
Also, wenn man sich andere Länder anschaut, Taiwan, Korea und Japan, die profitieren halt sehr stark über die Lieferkette bei den Halbleitern oder bei den Speichern oder in Deutschland, da gibt es auch positive Effekte, insbesondere für die Elektrotechnik. Also, KI ist schon ein sehr starker globaler Nachfrageimpuls geworden, der die höheren Energiekosten und die Kaufkraftverluste aufgefangen hat und das ist natürlich eine positive Entwicklung für die Weltwirtschaft. Aber die Frage ist natürlich auch, wie lange kann das anhalten und gibt es dann nicht irgendwann einmal doch ein Rücksetzer?
Nikolaus Barth:
Diese positive Entwicklung für die Weltwirtschaft wurde ja auch an die Aktienmärkte übersetzt, die notieren vielerorts zumindest nahe den Rekordständen, auch wenn wir die letzten Tage ein paar Rücksetzer gesehen haben. Christian, ist der Optimismus der Anlegerinnen und Anleger gerechtfertigt oder sind die Märkte mittlerweile zu sorglos?
Christian Stocker:
Ja, das ist genau der springende Punkt. Die kurze Antwort lautet: Ja, der Optimismus ist grundsätzlich nachvollziehbar und auch gerechtfertigt, aber auch nein, das Problem ist, dass die Märkte mittlerweile recht wenig Enttäuschungspotential einpreisen. Weil, was ist die aktuelle Situation?
Die Fundamentaldaten, die sind besser als viele Anfang des Jahres noch erwartet hatten. Ja, die US Wirtschaft, die bleibt erstaunlich robust, die Konjunkturindikatoren in Europa erholen sich weiter, die Unternehmensgewinne entwickeln sich sehr, sehr solide und überraschend vielerorts wirklich positiv. Das zweite Quartal hat es ja gezeigt, in den USA ein Gewinnwachstum gegenüber Vorjahr von über 50 Prozent, auch in Europa 26 Prozent Gewinn plus gegenüber Vorjahr, das sind enorm gute Zahlen.
Ja, und auch der KI Investitionszyklus, der sorgt für einen zusätzlichen Wirtschaftsschub in Bereichen wie Technologie, Infrastruktur, Halbleiter und wir sehen auch schon erkennbare Produktivitätsgewinne bei den Finanzinstituten, in der Industrie, in Forschung, im Bereich Pharma Healthcare. Also entscheidend ist, die jüngste Hosse, die wird nicht nur von Liquidität oder Hoffnung getragen, sondern zu einem erheblichen Teil durch zusätzliches Gewinnwachstum und das unterscheidet die aktuelle Situation von vielen früheren Übertreibungs- beziehungsweise Unsicherheitsphasen und mein Fazit aus dem Ganzen, das ist: Die Märkte wirken aktuell nicht wirklich euphorisch, aber selbstbewusst.
Die Anleger, die Anlegerinnen, die haben in den vergangenen Monaten gelernt, geopolitische Risiken, hohe Zinsen und politische Unsicherheit auszublenden. Solange die Gewinne stimmen, die Unternehmensgewinne, solange die Gewinnentwicklung die hohen Erwartungen rechtfertigt, sind Rekordstände plausibel. Werden die Erwartungen jedoch verfehlt, dann dürfte die Fallhöhe größer sein als die Aufstiegschancen.
Nikolaus Barth:
Also müssen wir ja nur selbstbewusst bleiben. Ihr habt jetzt beide schon die Konjunktur angesprochen, Andreas, du auch ein Stück weit auf die deutsche Konjunktur geblickt. Ich könnte ja jetzt sagen, du hast es ja immer schon gewusst, die hat sich jetzt ein Stück weit besser entwickelt als andere, muss man an dieser Stelle sagen, prognostiziert haben. Wir haben das auch immer wieder seit Jahren gehört, jetzt kommt die Wende. Ist es diesmal etwas anderes oder machen wir aus ein paar guten Daten, die wir die letzten Tage und Wochen gehört haben, einen falschen Aufschwung?
Andreas Rees:
Ja, also Nikolaus, danke für die Blumen, also gewusst habe ich nichts, aber man liegt ja manchmal auch ganz gut oder richtig und viele Hörer kennen das ja, es gab ja auch einige Konjunkturbeobachter, die haben eine Rezession prognostiziert, das ist jetzt Gott sei Dank in Deutschland nicht passiert und diese Beobachter müssen jetzt ihre Prognosen kräftig nach oben revidieren. Das müssen wir nicht ein bisschen nach oben revidieren, also müssen wir auch.
Also, wir sind von einem Wachstum vor der Sommerpause, von einem Wachstum von knapp einem Prozent in diesem Jahr ausgegangen. Jetzt revidieren wir leicht nach oben auf eineinviertel Prozent. Aber man muss natürlich auch fair bleiben. Die strukturellen Probleme in Deutschland, die sind ja nicht verschwunden. Also, der Konkurrenzdruck aus China, der ist nach wie vor da, die US Zölle sind höher und so weiter. Also, man muss differenzieren und ich glaube auch, dass man das ganz gut erkennen kann an den Auftragseingängen der deutschen Industrie, weil die positive Nachricht ist, wir haben eine Bodenbildung und es gibt ein leichtes Wachstum auch für die Industrie, natürlich von einem niedrigen Niveau aus, aber das muss man halt auch ganz klar sagen, es gibt jetzt nicht den ganz großen universalen Wachstumstreiber für alle Industriebranchen hinweg, also den gibt es noch nicht, denn die Impulse von der fiskalischen Bazooka, die kommen so allmählich, sind aber immer noch ziemlich schwach und stattdessen haben wir in Deutschland ganz unterschiedliche branchenspezifische Entwicklungen, zum Beispiel im Maschinenbau, Großaufträge aus den USA oder aus Indien.
Was wir aber nicht haben, das ist eine weltweit steigende Nachfrage nach Maschinen. Das gibt die Weltwirtschaft im Moment angesichts der höheren Energiekosten einfach nicht her. Oder ein anderes Beispiel, das ist ziemlich paradox, der Chemiesektor, der hat jetzt vom US-Iran-Konflikt sogar ein bisschen, also temporär, profitiert, weil viele Unternehmen ihre Lagerbestände an Vorprodukten aufgestockt haben aus Sicherheitsgründen und auch der Konkurrenzdruck von asiatischen Chemieunternehmen, der hat etwas nachgelassen, weil eben die Asiaten von der Sperrung von der Straße von Hormus stärker betroffen war als die deutschen Chemieunternehmen.
Also an der Argumentation, da kann man schon erkennen, das sind Faktoren, die kann man jetzt nicht einfach weiter ins Jahr 2027 fortschreiben. Aber Nikolaus, um das noch mal bei aller Vorsicht ganz klar zu sagen, gemessen an dem, was es da alles an Pessimismus gab, noch bis zur Sommerpause, insgesamt ist es eine erfreuliche Entwicklung und von daher, für mich ist das Glas halb voll und nicht halb leer.
Nikolaus Barth:
Selbstbewusstsein haben wir ja schon gehört, hilft. Jetzt schwimmen wir mal über den Atlantik und schauen uns an, was die Federal Reserve macht. Dreht die nun bald wieder an der Zinnschraube, die erste Zinserhöhung in der Ära von Kevin Wash, wäre die in greifbarer Nähe?
Andreas Rees:
Nach der Rede von Kevin Warsh in Jackson Hole, da haben wir wirklich unsere Prognose deutlich geändert oder ändern müssen. Wir erwarten jetzt 2 Zinserhöhungen um jeweils 25 Basispunkte und vermutlich kommt die erste Zinserhöhung der Fed schon Mitte September und dann die zweite, wir vermuten dann im Dezember.
Also für mich hat Warsh in Jackson Hole so eine Art Rolle rückwärts hingelegt. Er hat sich ja lange bedeckt gehalten und hat auch immer so ein bisschen, fand ich jedenfalls, die hohe Inflation heruntergeredet, so nach dem Motto, ist ja alles nicht so schlimm. Aber jetzt ganz wichtig, seine Rhetorik in Jackson Hole, die hat sich wirklich deutlich geändert. Das war ein anderer Kevin Warsh, der da aufgetreten ist. Er hat zum ersten Mal Farbe bekannt und das hängt natürlich einerseits mit einer hohen Inflation zusammen, die liegt ja schon seit vielen Jahren in den USA über der anvisierten Zielmarke von 2%.
Aber ich glaube, was da auch noch 'ne ganz wichtige Rolle spielt, Kevin Warsh steht auch unter Druck seiner Kollegen bei der Fed. Denn bei der letzten Fed-Sitzung vor der Sommerpause Ende Juli, da gab es schon 3 Notenbänker, die haben gegen Warsh gestimmt und für eine Zinserhöhung. Also diese sogenannten 3 Dissenter, also die Abweichler. Das klingt jetzt vielleicht auf den ersten Blick ziemlich wenig, aber für Fed-Verhältnisse, das ist schon eine kleine Palastrevolution gewesen. Und wenn man sich anschaut bei den Fed Protokollen in den letzten 50 Jahren, da hat ein Fed Chair schon so früh in seiner Amtszeit mit so viel internem Gegenwind kaum zu kämpfen gehabt. Also man muss wirklich ganz, ganz weit zurückgehen in der Historie der Fed. Und eben ganz wichtig, glaube ich auch zu verstehen, es heißt ja nicht umsonst Geldpolitik. Ja, also es geht nicht nur um Fundamentaldaten, die spielen natürlich eine Rolle wie die Inflation, sondern es geht eben auch darum, wie die Notenbanker die Daten dann interpretieren. Also es gibt politische Überlegungen, strategische Faktoren und deshalb dürfte nach unserer Einschätzung die Fed bald die Leitzinsen erhöhen.
Nikolaus Barth:
Spannend zu sehen, wie sich die geldpolitische Einschätzung ändern kann. Jetzt beeinflussen die Zentralbanken ja vor allem die kurzfristigen Zinsen und nicht so sehr die Kapitalmarktzinsen, die längerfristigen. Die sind aber in Deutschland wie auch in Amerika weiter angestiegen. Warum eigentlich?
Andreas Rees:
Also, es gibt jetzt nicht den einzelnen Treiber, sondern das ist so eine Mischung aus unterschiedlichen Faktoren und aus Sicht von jemandem, gerade in Deutschland, der jetzt gerade überlegt, einen Kredit aufzunehmen, einen Unternehmenskredit oder einen Hypothekenkredit, ist das eine sehr unglückliche Mischung. Denn es ist ganz wichtig zu verstehen, dass viel von dem, was jetzt an Zinsdruck bei uns in Deutschland ankommt, also Zinsdruck nach oben, das kommt aus den USA. Also gerade am langen Ende der Zinskurve bei den zehnjährigen Anleihen, da gibt es ja einen engen Gleichlauf der Zinsen in Deutschland mit den Zinsen in den USA.
Also, was sind jetzt so die wichtigsten Faktoren für den Zinsanstieg? Wir haben einmal einen sehr hohen Kapitalbedarf. Die Hyperscaler in den USA müssen ihre Investitionen finanzieren und diese Hyperscaler stehen in direkter Konkurrenz mit anderen Kreditnehmern und ein ganz wichtiger Kreditnehmer ist natürlich in den USA der amerikanische Staat. Die Trump Administration, die braucht ja viel Geld, sie fährt ja eine expansive Fiskalpolitik und sie will weiter aufrüsten bei den Verteidigungsausgaben und deshalb ist es auch kein Zufall, dass zum Beispiel in den USA das Thema Staatsverschuldung wieder aufgepoppt ist.
Viele Investoren machen sich da einfach Gedanken, weil die staatliche Verschuldung in den USA, gemessen an der Wirtschaftsleistung, ist etwa doppelt so hoch wie bei uns in Deutschland und es ist eben kein Ende in Sicht. Die wird wahrscheinlich weiter stark ansteigen. Also, das ist ein wichtiger Faktor. Dann haben wir natürlich den Klassiker, da haben wir gerade schon drüber geredet, die hohen Energiekosten, die Inflation, der US-Iran-Konflikt, da ist ja kein kein Ende in Sicht. Das ist ja nach wie vor ungelöst. Also, auch das hat zu einem Umdenken geführt und dann „Last but not least“ bei uns in Deutschland, es gibt natürlich die fiskalische Bazooka und der Staat hat auch einen großen Finanzierungsbedarf und von daher, ich denke, das treibt die Zinsen auch weiter nach oben.
Nikolaus Barth:
Was Sie nicht sehen können, sondern nur erahnen können, weil Sie zuhören, ist, dass wir eine jede Menge Spaß haben beim Einsprechen des Podcasts. Am 21. Oktober haben Sie die Möglichkeit, das auch mal live zu sehen. Von daher noch mal die herzliche Einladung: Nutzen Sie die Möglichkeit und seien Sie live dabei, wenn wir den Podcast einsprechen.
Wir haben schon über Hyperscaler und künstliche Intelligenz gesprochen und Andreas hat es jetzt auch gerade noch mal angesprochen, lieber Christian. Künstliche Intelligenz ist ja auch 2026, wir haben das schon gehört, eines der dominierenden Börsenthemen. Ist der KI Boom weiterhin ein tragfähiger Gewinnmotor und damit Konjunkturtreiber für die Unternehmen oder sehen wir bereits erste Übertreibungstendenzen.
Christian Stocker:
Hm, gute Frage. Ja, die gute Nachricht zuerst, der KI Boom ist heute deutlich besser fundamental unterlegt als frühere Phasen von Technologie-Euphorien. Das sieht man ganz besonders an der Gewinnentwicklung der beteiligten Unternehmen. Die Gewinne, die steigen ganz enorm in allen Bereichen, die mit KI zu tun haben, also auch die Hersteller von KI direkt.
Ja, die weniger gute Nachricht: In einzelnen Marktsegmenten werden bereits Erwartungen eingepreist, die kaum Raum für Enttäuschungen lassen. Aber anders als in vielen Hypephasen in der Vergangenheit passiert die aktuelle KI oder Technologie-Euphorie auf wirklich realen Investitionen und realen Umsätzen. Die Unternehmen investieren hunderte von Milliarden in Rechenzentren, in Halbleiter, Cloud-Infrastruktur, Softwarelösungen und so weiter. Ja, also der Ausbau der KI-Infrastrukturen ist inzwischen ein wirklich bedeutender Treiber für Unternehmensinvestitionen und Produktivitätssteigerungen geworden und zudem zeigt sich die KI Welle zunehmend auch außerhalb des Technologiesektors.
Ich hab es ja vorhin schon kurz angesprochen gehabt, gerade Banken, Industrieunternehmen, Gesundheitskonzerne und auch Dienstleister beginnen KI in ihre Prozesse zu integrieren und damit entwickelt sich KI von einer Technologiegeschichte zu einer breiteren, ich würde mal sagen, Produktivitätsgeschichte. Gibt es Übertreibungstendenzen? Ja, der Markt diskutiert heute weniger, ob KI die Wirtschaft verändern wird, sondern vielmehr, wie schnell sich die enormen Investitionen in Gewinne umwandeln lassen. Und genau hier entstehen die Risiken.
Investoren, Investorinnen hinterfragen zunehmend, ob die gewaltigen Ausgaben für Chips, für Rechenzentren und Energieversorgung kurzfristig auch ausreichend Rendite erzeugen. Und hinzukommt, dass viele KI-nahe Unternehmen nach außergewöhnlichen Kurssteigerungen mit sehr hohen Erwartungen konfrontiert sind und in diesem Umfeld reichen selbst gute Gewinn- oder Geschäftszahlen mitunter nicht mehr aus. Die Börse verlangt nicht nur starkes Wachstum, sondern oftmals wirklich perfektes Wachstum. Ja, und eines ist in diesem Zusammenhang ganz, ganz wichtig: Der KI-Boom ist noch kein Spekulationsboom ohne Fundament. Ja, er ist derzeit der wichtigste strukturelle Wachstumstreiber der globalen Aktienmärkte, Also, von daher würde ich sagen, wir sind noch nicht in einer Übertreibungsphase, aber es könnten sich allmählich solche Zeichen ergeben, wenn diese Euphorie weiter sich die kommenden Wochen, die kommenden Monate so positiv entwickelt.
Nikolaus Barth:
Dann setzen wir auf ein starkes Fundament. Wir haben vom Andreas schon gehört und von dir ja jetzt auch, dass im Rahmen des KI-Booms durchaus eine Reihe von Investitionen auch größerer Art notwendig sind und dass die Unternehmen mit diesen Investitionen auch in Konkurrenz zur Schuldenpolitik einiger Staaten treten. Welche Rolle spielt denn jetzt die Zinsentwicklung für den KI-Boom und für die notwendigen Investitionen?
Christian Stocker:
Sollten die Zinsen weiter steigen, also weniger die kurzfristigen Notenbankzinsen, sondern vielmehr die längerfristigen Kapitalmarktzinsen, dann dürfte sich perspektivisch das hohe Investitionstempo der KI-Unternehmen verlangsamen. Das ist noch nicht zu erwarten im nächsten Jahr in 2027, sondern eher in den darauffolgenden Jahren und das wäre dann sicher ein kritischer Punkt für die Aktienmärkte, weil sie aktuell auf Wachstum gepreist sind. Ja, wie wir vorhin schon erörtert haben, wenn dieses hohe Wachstum, das aktuell eingepreist wird, hinterfragt wird und das wird es durch deutlich höhere Zinsen, dann könnten wir an einen Punkt kommen, wo man auch größere Rücksetzer zu erwarten hat.
Nikolaus Barth:
Jetzt gehen wir mal von der künstlichen Intelligenz ein Stück weit weg und schauen uns die Regionen und Sektoren an. Welche erscheinen denn für dich aktuell besonders attraktiv und würdest du eher auf die USA setzen, Europa oder die Schwellenländer?
Christian Stocker:
Also, ich denke, aktuell findet so ein gewisser Favoritenwechsel statt. Die Emerging Markets, die bleiben für mich weiter ein sehr, sehr zentrales Thema. Die haben sehr hohe Wachstumsraten, sie haben eine attraktive Struktur, auch wenn man sich die Zukunft anschaut. Lateinamerika zum Beispiel ist sehr rohstoffreich. Osteuropa hat extrem hohe Wachstumsraten, deutlich höher als in in Westeuropa. Auch die Industrie ist sehr, sehr stark vertreten in Osteuropa. Also da haben wir in den Emerging Markets große Wachstumschancen, die sich auch in den Kursen zeigen und der größte Emerging Market, also speziell asiatische Emerging Markets, die profitieren von der starken Nachfrage, wiederum von KI, also gerade die großen Halbleiterhersteller in Südkorea, in Taiwan, die sind natürlich sehr, sehr stark strukturell hier positiv unterlegt. Das bleibt ein wirkliches Thema, aber bislang war so der zweite Favorit in unseren Augen die USA.
Nachdem so ein bisschen hinterfragt wird, ist auch heute so ein bisschen Thema gewesen: Was ist schon eingepreist in den aktuellen Kursen? Was wird noch kommen? Ich denke mal, wir werden weiter steigende Kurse sehen, aber das Momentum der Kurssteigerungen, das geht eher zurück. Ich sehe da eher mal in Europa Aufholtendenzen. In Europa beginnt die Wirtschaft allmählich wieder an Fahrt zu gewinnen, zwar langsam, aber es läuft besser als erwartet. Die Gewinne steigen in Europa, besser als erwartet. In den USA steigen sie zwar prozentual höher, aber auf einem konstant hohen Niveau. In Europa steigen sie deutlich schneller als erwartet und wir kommen hier raus aus einer längeren Seitwärtstendenz, die über 23 Jahre vorgeherrscht hat.
Und das ist ein Punkt, wo jetzt zunehmend auch nicht europäische Investoren darauf schauen. Das heißt, hier ist zu erwarten, dass die Untergewichtung von Europa in internationalen Portfolios verringert wird. Das heißt, dass Kapital nach Europa fließt, und das ist in meinen Augen deutlicher Kurstreiber. Also, ich würde mal sagen, von der relativen Attraktivität her, Emerging Markets sind und bleiben ein sehr, sehr attraktiver Anlagepunkt. Europa holt auf und würde aus meiner Sicht die nächsten 2 Quartale sogar vor den USA liegen.
Nikolaus Barth:
Und darüber hat Christian Stocker auch unlängst in „Stockers Börsencheck“ gesprochen. Ich hänge den Link zu dem Video in die Shownotes rein, ebenso eine Research Note, die unlängst veröffentlicht wurde, mit dem Titel 'Europäische Aktien: Die leise Rückkehr.“
Also Europa, hat etwas überrascht. Christian, bleiben wir noch mal kurz bei dir. Wenn du heute nur 3 Faktoren nennen müsstest, die über die Aktienmärkte bis zum Jahresende entscheiden, welche wären das?
Christian Stocker:
Ja, die 3 entscheidenden Faktoren sind, die Gewinne müssen weiter deutlich steigen, nicht so stark wie im ersten und zweiten Quartal, weil dass sich 50% Gewinnplus bei den Unternehmen halten lässt, gegenüber Vorjahr, das ist utopisch anzunehmen. Aber ein deutlich zweistelliger Gewinnzuwachs, den brauchen wir, um hier weiter ordentliche Kursgewinne zu erzielen. Die Kapitalmarktzinsen, die dürfen nicht weiter deutlich steigen. Die sollten sich jetzt auf diesem höheren Niveau einpendeln, weil wenn sie weiter steigen, dann ist es ein deutlicher Risikofaktor. Und als dritten Faktor, die Eskalationsstufe im Mittleren Osten sollte sich nicht weiter verschärfen. Das heißt, sollte der Ölpreis wieder deutlich über die $100 steigen, dann wäre das für mich ein weiteres Risiko und das dürfte nicht passieren. Also das sind die 3 Faktoren, die für mich ganz, ganz zentral sind für weiter solide Wachstumsraten an den Aktienmärkten.
Nikolaus Barth:
Gewinnentwicklung, Zinspolitik und Geopolitik, das sind die 3 großen Themen, die fürs Jahresende sicherlich eine Rolle spielen. Wenn wir auf das Jahresende oder das restliche Jahr, besser gesagt, blicken, welche Termine und Ereignisse sollte man besonders im Auge behalten, Andreas?
Andreas Rees:
Es gibt wirklich einen Termin, den habe ich mir ganz fett im Kalender angekreuzt, das ist der 10. November. Da läuft nämlich der Handelsdeal zwischen den USA und China aus. Und vielleicht noch mal zur Erinnerung, das war ein Handelsdeal, der ist Ende letzten Jahres geschlossen worden zwischen Trump und Xi. Es war so eine Art Kompromiss, weil die Amerikaner, die sind weniger aggressiv geworden gegenüber China in ihrer Zollpolitik und die Chinesen haben dann im Umkehrschluss wieder mehr kritische Mineralien geliefert, also Stichwort Seltene Erden. Also das ist ein klassischer Burgfrieden gewesen. Jetzt ist es so, dass Xi wahrscheinlich in der 2. Septemberhälfte nach Washington reisen wird und dann wird es eben spannend sein zu sehen, ob die Zeichen auf Entspannung stehen oder ob wir möglicherweise dann wieder einen Konflikt sehen. Also von daher der 10. November auf jeden Fall ganz wichtig, weil das eben für die Weltwirtschaft und auch für uns in Europa ganz wichtig ist, ob eben es wieder vielleicht Restriktionen geben wird, das würde uns auch sehr treffen, oder ob es hier möglicherweise eine Verlängerung des Handelsdeals geben wird.
Dann noch mal aus der europäischen Perspektive, auch ganz wichtig, die Europäische Union und China, die treffen sich in Peking im Oktober zu Handelsgesprächen und auch da, da geht es um Zölle, Einfuhrbeschränkungen, kritische Mineralien, also auch ganz wichtig.
Ja, und dann natürlich am 3. November in den USA Politik, die Zwischenwahlen, da wird ja das Repräsentantenhaus neu gewählt und ein Drittel des Senats. Ja, da wird man halt sehen, je nachdem wie die Wahlen ausgehen, ob dann Trump vielleicht ein bisschen ausgebremst wird und sich der Spielraum für Trump in seiner restlichen Amtszeit etwas einengen wird oder nicht.
Ja, und in Deutschland, Wir haben ein Reformpaket, was in der Schublade liegt. Die Bundesregierung möchte das bis zum Jahresende durchbringen und das wird natürlich auch spannend sein zu sehen.
Nikolaus Barth:
Christian, abschließend, welche Risiken werden aus deiner Sicht derzeit vom Markt am stärksten unterschätzt?
Christian Stocker:
Ja, ich sehe eigentlich 2 Risiken. So ein bisschen ist es schon in den vorherigen Antworten durchgeklungen. Das erste Risiko für mich ist, dass die Gewinnerwartungen zu hoch sind, auch im Zusammenhang mit KI. Der Markt handelt derzeit weniger auf Basis der aktuellen Gewinne, die sind sehr, sehr gut, als vielmehr auf Basis eines sehr konstruktiven Ausblicks. Der Markt erwartet, dass wir keine Rezession in den kommenden Quartalen haben werden. Er erwartet robuste Konsumnachfrage, einen anhaltenden KI-Boom, stabile Gewinnmargen der Unternehmen und eine beherrschbare Inflation.
Das Problem ist nicht, dass diese Annahmen falsch sind. Das Problem ist, dass viele dieser Annahmen bereits in den Kursen enthalten sind. Die Fehlertoleranz, die ist entsprechend gering und In Bezug auf KI ist die zentrale Frage, wann werden aus den gewaltigen Investitionen tatsächlich auch nachhaltige Gewinne? Es gibt schon positive Anzeichen, aber der Markt könnte die Monetarisierungs-Geschwindigkeit überschätzen. Aber das größte Risiko ist in meinen Augen ein schneller und deutlicher Anstieg der Zinsen, insbesondere in den USA. Nicht der Leitzins der Federal Reserve ist dabei entscheidend, sondern vielmehr die langfristigen Kapitalmarktzinsen, weil wenn Investoren, Investorinnen dauerhaft deutlich mehr als 5% für langfristige Staatsanleihen erhalten, dann verändert das die Bewertung von Aktien fundamental. Künftige Gewinne werden stärker abdiskontiert und Aktien konkurrieren wieder verstärkt mit attraktiven Anleiherenditen. Und dauerhaft höhere Zinsen verlangsamen das Investitionstempo, von dem Aktienmärkte derzeit so stark profitieren.
Ein allmählicher Anstieg der Zinsen basierend auf weiter solider Konjunktur, das macht mir dabei weniger Sorgen. Aber ein rascher Anstieg der Zinsen, beispielsweise der zehnjährigen US Treasury Zinsen, über die Hochpunkte, die wir im Jahr 2023 gesehen haben, also knapp über 5%, das wäre für mich ein Auslöser für einen deutlichen Rücksetzer an den Aktienmärkten.
Nikolaus Barth:
Vielen Dank, Christian. Vielen Dank, Andreas. Für mich waren heute wieder einige neue Erkenntnisse dabei. Ich hoffe, Ihnen geht es ähnlich. Das war das HVB Markt-Briefing. Wir diskutierten über die aktuelle Verfassung der Konjunktur und der Märkte, Chancen und Risiken mit Dr. Andreas Rees und Christian Stocker.
Wir freuen uns natürlich auf Ihr Feedback, Ihre Fragen, Kommentare und Impulse gern auch per E-Mail unter markt-briefing@unicredit.de. Danke Ihnen heute fürs Zuhören und wenn Sie live dabei sein wollen, vergessen Sie bitte nicht 21.10. Die Plätze sind limitiert. Es verabschieden sich heute Christian Stocker, Andreas Rees und Nikolaus Barth. Wir freuen uns auf ein Wiederhören vielleicht auch Wiedersehen. Bleiben Sie selbstbewusst!