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HVB Markt-Briefing – Audio vom 20.04.2026

Lange Schatten des Iran-Krieges: Welche Folgen drohen Wirtschaft und Anlegern langfristig?

Andreas Rees:
Klar ist natürlich, was uns weh tut. Wir haben eine sehr hohe Abhängigkeit von Energieimporten aus dem Ausland. Wir kriegen die Öl- und Gaspreise stärker zu spüren als zum Beispiel China. Wir haben keinen Puffer bei Energie.

Das heißt, wir haben eine riesige Lücke. Das ist relevant, weil wir, wenn wir jetzt wirklich mehr auf erneuerbare Energien setzen wollen als Ersatz für Öl und Gas, schnell und vor allen Dingen kräftig in die Netze investieren müssen, um diesen strategischen Engpass zu beseitigen.

Philip Gisdakis:
Sollte die Inflation wieder auf so 8 bis 10 Prozent hochschnalzen, wie wir das im Ukraine-Krieg gesehen haben, dann würden die Renditen noch einmal deutlich mehr steigen. Dann wäre das natürlich schon auch eine Belastung für die Märkte.

Aber im Moment ist die Markthypothese, dass das ein temporäres Thema ist, das sicherlich Implikationen haben wird, aber eben wieder vorübergeht. Dann kommen viele Unternehmen mit dieser Situation ganz gut zurecht. Es wird aber natürlich auch Unternehmen und Branchen geben. Die werden zu den Verlierern gehören.

Titus Kroder:
Herzlich willkommen, sagt Titus Kroder. Das Team HVB Markt-Briefing hat wieder für Sie kräftig recherchiert, Themen aufbereitet, Zahlen gewälzt.

Die Weltlage liefert fast schon jeden Tag einen neuen Grund zur Sorge um unsere Wirtschaft und unsere Anlagen am Kapitalmarkt. Der Irankonflikt, die geschlossene Meerenge von Hormus, all das geht ohne greifbare Lösung mittlerweile in die achte Woche. Allmählich zeigt sich nicht nur an den Preisanzeigen der Tankstellen, wie hart es Autofahrer trifft, sondern auch, wie hart es die Gesamtwirtschaft treffen könnte, wenn die akute Energiekrise nicht bald gelöst wird.

Längst lassen die höheren Energiekosten die Preise steigen. Die Lieferketten stottern, unsere Kaufkraft schmilzt dahin. Das alles auch noch bei klammen Staatskassen. Es drohen neue Inflationsschübe bei langfristigem Miniwachstum, sagen einige Ökonomen. Der Internationale Währungsfonds hat erst vor Tagen wegen der Energiekrise nur noch magere 0,8 Prozent Wachstum für Deutschland in diesem Jahr eingetragen.

Wie gravierend ist nun die Lage tatsächlich und was wird uns langfristig bleiben von dieser extrem unruhigen Phase der Weltgeschichte? Fragen wir die Experten. Fragen wir Andreas Rees, den Chefvolkswirt der HVB, und Philip Gisdakis, den Chief Investment Officer. Ich grüße euch.

Philip Gisdakis:
Hallo, grüßt euch.

Andreas Rees:
Hallo, ich grüße euch.

Titus Kroder:
Philip, acht Wochen Irankonflikt, acht Wochen Ölpreisnotierungen, die immer mal wieder dreistellig sind und waren. Eigentlich viel zu hoch für eine Weltwirtschaft, die immer noch stark öl- und gasbasiert ist. Und doch hat der S&P 500 gerade wieder einen historischen Rekord hingelegt. Der Optimismus der Aktienmärkte scheint angesichts der düsteren Vorhersagen vieler Makroökonomen fast schon gefährlich naiv zu sein.

Die Internationale Energieagentur warnt vor der größten Energiekrise seit Jahrzehnten. Was treibt diese merkwürdige Zuversicht an den Märkten, wo die Konjunktur uns doch ganz schnell wegrutschen kann?

Philip Gisdakis:
Zunächst einmal ist es so, dass wir noch nicht sehr viele echte Makrozahlen haben aus der Phase nach dem Krieg. Inflationszahlen für den März sowohl für Europa als auch für die USA sind gestiegen. Die haben wir vorliegen, aber andere Zahlen haben wir noch nicht. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis die Implikationen in den harten Makrozahlen sichtbar sind.

Was klar ist, ist, dass die Erwartungen an den Märkten tatsächlich robust sind. Die  Gewinnerwartungen sind zuletzt noch einmal gestiegen. Das lässt sich verstehen vor dem Hintergrund verstehen, dass es eine ganze Reihe von Unternehmen und Branchen gibt, die mit Inflation gut umgehen können, weil sie Inputpreisinflation an ihre Kunden weitergeben können und möglicherweise ihre Margen ausweiten können.

Die Märkte reflektieren aktuell die Erwartung, dass die Ölpreise wieder zurückgehen. Wenn wir auf die Ölpreise an den Kapitalmärkten schauen, schauen wir auf Future-Kurse, also Terminpreise. Der Future, auf den wir aktuell schauen, ist der Juni-Future. Da sehen die Preise schon wieder moderater aus als beim Mai-Future. Es wird erwartet, dass die Preise bis Ende dieses Jahres oder Anfang nächsten Jahres relativ deutlich zurückgehen, in den Bereich von rund 75 bis 80 Dollar, also eine relativ starke Erholung.

Sollte die Inflation jedoch wieder auf 8 bis 10 Prozent hochschnalzen, wäre das eine andere Situation. Dann würden die Renditen deutlich mehr steigen und das wäre eine Belastung für die Märkte.

Im Moment ist die Markthypothese, dass es sich um ein temporäres Thema handelt, was sicherlich strukturelle Implikationen haben wird, aber was vorübergeht. Wenn das so ist, kommen viele Unternehmen damit zurecht. Es wird aber auch Branchen und Unternehmen als Verlierer geben.

Die Bewertungen der Aktienmärkte in Europa und den USA sind deutlich gesunken. Die Kurs-Gewinn-Verhältnisse sind gesunken, weil die Kurse gefallen sind und die Gewinnerwartungen gestiegen sind. Dadurch sind Aktien wieder attraktiver als vor einigen Monaten. Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass Kurse nicht weiter fallen können, aber die Bewertungen sind attraktiver geworden.

Titus Kroder:
Mhm. Andreas, wir schauen ja im heutigen Podcast vor allem auf die langfristigen Folgen des momentan innehaltenden Irankriegs. Im März sind die Neuzulassungen von Elektroautos in Deutschland um 66 Prozent gestiegen gegenüber dem Vorjahr. Die Menschen denken offenbar wegen der Ölpreise schon um.

Ist das für dich der erste Vorbote, dass nun wieder kräftig Wind in die Segel kommt, nämlich der Energiewende in Deutschland, dass man sagt, endlich raus aus dem Öl, das uns immer wieder so ins Chaos stürzt, und wieder stärker rein in die erneuerbaren Energien, Wind, Sonne, Biogas und so weiter. Sind wir an diesem Punkt schon angelangt, deiner Meinung nach?

Andreas Rees:

Ja, ich will das jetzt nicht kleinreden mit den Zulassungszahlen. Ich glaube aber, dass der Krieg jetzt nicht den wirklich endgültigen Ausschlag gegeben hat für diese Zulassung im März. Natürlich gibt es den Trend hin zu E‑Autos und der wurde möglicherweise ein bisschen verstärkt, aber man darf nicht vergessen, bei der Anschaffung von einem Auto, das ist etwas Größeres und das kostet viel Geld, da macht man sich typischerweise auch länger Gedanken. Dann müssen die Rahmenbedingungen stimmen bei den E‑Autos, Stichwort Ladekapazität und so weiter.

Aber der Gedanke ist natürlich richtig. Je länger die Benzin- und Dieselpreise hoch bleiben, umso stärker wird es einen Trend geben, dass man versucht, gerade in den Industrieländern, den Einsatz von erneuerbaren Energien zu forcieren.

Ich glaube, dass die eigentliche strategische Lehre des Krieges nicht nur ist, dass Öl und Gas jetzt plötzlich sehr teuer werden können, das haben wir spätestens seit dem Beginn des Russland‑Ukraine‑Krieges erlebt, sondern der entscheidende Punkt hier ist die Energiewende. Das ist eben nicht mehr ausschließlich nur Klimapolitik, sondern es geht um Sicherheit, es geht um Industrie‑ und Standortpolitik. Und wer die Öl‑ und Gasabhängigkeit reduziert, der verringert nicht nur die Emissionen, sondern der kann auch geopolitische Risiken verringern.

Titus Kroder:
Und vor allem kommt an dieser Stelle bei diesem Thema das Schlagwort China ins Spiel. Denn wer heute in Deutschland eine Solaranlage, eine Windturbine oder eine Hausbatterie betreibt, der kann fast sicher sein, dass diese Technologien aus China kommen. Das Land ist fast schon ein globaler monopolistischer Lieferant für grüne Technologien.

Das muss sich doch massiv auszahlen für China, wenn dieses Trumpsche Energiechaos wieder für ein Umdenken in Richtung Energieautarkie und Erneuerbare sorgt. Ist das so?

Andreas Rees:
Ja, das ist so. Du hast es jetzt natürlich nicht genannt, aber ist China ein Gewinner, ja oder nein. Da wäre ich ein bisschen vorsichtig mit dem Begriff Gewinner, weil China natürlich viel exportiert, nicht nur bei Gütern, die irgendetwas mit der Energiewende zu tun haben. China ist eine Exportnation und wird auch die Verlangsamung der Weltwirtschaft zu spüren bekommen.

Natürlich freuen die sich nicht über höhere Benzinpreise, die sind auch in China angestiegen, sogar stärker als bei uns in Deutschland.  Aber der Punkt ist richtig. Relativ gesehen dürfte China strategisch vermutlich aus Sicht der nächsten Jahre stärker aus der Krise hervorgehen als zum Beispiel Europa und vielleicht sogar auch stärker als die USA. Denn wenn der Bedarf an erneuerbaren Energien in den nächsten Jahren wirklich deutlich steigen sollte, und ich denke, das wird der Fall sein, dann legt genau dieser Bereich stark zu, in dem China bereits heute außerordentlich stark unterwegs ist.

Wenn man sich die Zahlen anschaut, China kontrolliert schon heute mehr als 80 Prozent aller Produktionsstufen in der Solarindustrie, also Photovoltaik und entsprechende Lieferketten. Bei Batterien ist das Bild ganz ähnlich, sehr dominant. Dann haben wir auch noch die Abhängigkeit von China bei kritischen Mineralien. Ein großer Teil dieser Rohstoffe wird in China verarbeitet, die man typischerweise für die Energiewende braucht, zum Beispiel Lithium oder Kobalt.

China ist sehr gut positioniert, um aus einer möglichen neuen Weltordnung zusätzliche Vorteile

Titus Kroder:
Interessant ist ja, dass der Iran Chinas wichtigster Lieferant von fossilen Brennstoffen bisher war. Die kritische Meerenge von Hormus ist derzeit quasi geschlossen. Wie schafft das China als zweitgrößte Wirtschaft der Erde, wenn der Tank für die Wachstumsmaschine zu Hause immer leerer wird?

Neue Zahlen zeigen ja, dass das Land überraschend stark gewachsen ist, auch im ersten Quartal, nämlich mit besser als erwarteten 5 Prozent. Wie geht das?

Andreas Rees:
Ja genau, China ist sehr ordentlich gewachsen im ersten Quartal und hat ein bisschen an Tempo zugelegt. Man darf allerdings nicht vergessen, das ist auch ein Stück weit der Blick in den Rückspiegel, weil wir gesehen haben, dass im Januar und Februar die Exporte Chinas noch einmal kräftig angestiegen sind, also vor Beginn des Krieges.

Richtig ist aber auch, im weiteren Jahresverlauf, das erwarten wir zumindest, dürfte die chinesische Wirtschaft etwas an Fahrt verlieren, weil sie unter einer langsameren Weltwirtschaft leiden wird. China wird nach unserer Einschätzung weniger stark unter den höheren Gas‑ und Ölpreisen leiden, weil mehr als die Hälfte des chinesischen Energieverbrauchs immer noch über Kohle abgedeckt wird. Diese Kohle wird zu einem großen Teil in China selbst abgebaut. Das ist ein enormer Puffer, den zum Beispiel Japan, Südkorea und auch viele andere europäische Länder nicht haben.

Wenn man sich das relativ anschaut, dann haben chinesische Unternehmen durchaus die Chance, sich noch mehr Marktanteile global zu holen. Im Klartext heißt das, der Wettbewerbsdruck steigt gerade auch für europäische und deutsche Unternehmen.

Titus Kroder:
Philip, China-Aktien, das hatten wir als Thema immer mal wieder im Podcast angesprochen. Die sind auf den ersten Blick nicht so einfach investierbar, haben aber ein starkes Potenzial, je nach Marktlage. Jetzt, wo China relativ glimpflich durch die Krise segelt, muss man sich da nicht den chinesischen Aktienmarkt wieder genauer anschauen als Anleger?

Philip Gisdakis:
Den chinesischen Aktienmarkt muss man sich natürlich immer genau anschauen. Die jetzige Situation bedeutet aber nicht notwendigerweise, dass die Unternehmen, in die man als nicht chinesischer Investor investieren kann, auch von dieser Situation unumwunden profitieren werden. China hat eine ganze Reihe von Problemen. Dazu gehört unter anderem, und das haben wir über die letzten Jahre immer wieder gesehen, dass die Regierung, die Kommunistische Partei, immer wieder in die Märkte eingegriffen hat.

Geschäftsmodelle wurden verboten, die ihnen nicht gepasst haben, und das hat man natürlich auch am Aktienmarkt gespürt. Hinzu kommt, dass es immer noch eine Immobilienkrise gibt, die noch nicht ausgestanden ist. Man sieht auch, dass China als Konsequenz der Handelskonflikte mit den USA durchaus beeinträchtigt ist.

Wenn man sich die Aktienmärkte und die Gewinnerwartungen anschaut, sieht man, dass es im asiatischen Raum Länder und Volkswirtschaften gibt, für die die Erwartungen deutlich besser sind als für China. Das sind unter anderem große Länder wie Japan, aber auch kleinere Länder wie zum Beispiel Südkorea und Taiwan. In Südkorea und Taiwan ist das sehr stark auf Unternehmen zurückzuführen, die mit der KI‑Technologie verbunden sind.

Es macht immer Sinn, und unsere Strategie ist es ja, sich insbesondere verstärkt die Schwellenländer, zu denen auch China gehört, genauer anzuschauen. Aber aus der aktuellen Entwicklung die Schlussfolgerung zu ziehen, dass die chinesischen Aktienmärkte nun eindeutig boomen werden, wäre zu kurz gedacht.

Titus Kroder:
Dann ist also als erstes Fazit dieses Podcasts, dass Europa der große Verlierer dieser Energiekrise sein könnte, was das Wachstum angeht.

Andreas, der IWF sieht für dieses Jahr für die gesamte Eurozone angesichts der Irankrise inzwischen nur noch magere 1,1 Prozent Expansion. Klar scheint also zu sein, uns wird es am härtesten treffen. Stimmst du dem zu?

Andreas Rees:
Ich mag den Begriff Verlierer nicht so sehr, aber wenn man es zuspitzen möchte, dann kann man das schon sagen. Wenn man es diplomatischer formulieren möchte, würde ich sagen, gerade wenn es um strategische Entscheidungen bei Energie geht, längerfristig, dann hat Europa einen sehr großen Anpassungsbedarf.

Klar ist, was uns weh tut. Wir haben eine sehr hohe Abhängigkeit von Energieimporten aus dem Ausland. Wir kriegen die Öl‑ und Gaspreise stärker zu spüren als zum Beispiel China. Wir haben keinen Puffer bei Energie. Was ich an der Stelle besonders ärgerlich finde, wenn man über die Tagesaktualität hinausdenkt, ist, dass wir in Europa immer noch keinen richtigen Energiebinnenmarkt haben. Wir haben sehr große Preisunterschiede bei Energie, gerade bei Strom, und wir haben langsame Genehmigungs‑ und Ausbauprozesse. Das fällt uns gerade bei Energie richtig auf die Füße.

Wenn man sich die Schätzungen der Europäischen Kommission anschaut, dann gibt es einen Investitionsbedarf bei den Stromnetzen von etwa 1.200 Milliarden Euro mittel‑ bis langfristig. Das heißt, wir haben eine riesige Lücke. Das ist relevant, weil wir, wenn wir wirklich mehr auf erneuerbare Energien setzen wollen als Ersatz für Öl und Gas, deutlich mehr in die Netze investieren müssen.

Die entscheidende Frage ist, schafft es Europa schnell genug, diesen strategischen Engpass zu beseitigen. Wenn die Elektrifizierung schneller voranschreitet als Netze und Speicher, dann kann das nicht funktionieren. Dann wird die Energiewende teuer oder sie funktioniert am Ende gar nicht.

Titus Kroder:
Philip, du bist ausgewiesener Griechenlandkenner, auch familiär betrachtet. Das EU‑Land hat sehr viel Sonne. Gleichzeitig gibt es den fehlenden europäischen Energiemarkt, wie Andreas das gerade geschildert hat. Wie stellt sich ein Land wie Griechenland dazu? Die Sonnenländer der EU, auch Spanien gehört dazu, wären doch eigentlich ideale Produktionsländer, um Europa insgesamt energieunabhängiger zu machen.

Philip Gisdakis:
Da sprichst du genau die Strategie an von Griechenland, aber auch von Spanien, über erneuerbare Energien einen Beitrag zur Energieversorgung des europäischen Kontinents zu leisten. Wenn man mit dem Flugzeug nach Athen anreist, sieht man kurz vor der Landung eine ganze Reihe neuer Windkraftanlagen, und man sieht auch Solaranlagen fast überall.

Mittlerweile hat die griechische Regierung allerdings die Förderung für den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien gestoppt, weil zu viel produziert wird. Das ursprüngliche Konzept war, zu fördern, um mehr erneuerbare Energien zu produzieren, als im Binnenverbrauch benötigt wird, und diesen Strom dann nach Europa zu exportieren.

Dazu braucht es Energienetze, die grenzüberschreitend funktionieren und den Strom bis nach Nordeuropa transportieren können. Und genau das funktioniert aktuell nicht. Weil zu viel erneuerbare Energie produziert wird, die nicht abgesetzt werden kann, wurden diese Förderprogramme gestoppt. Wir leiden selbst darunter. Wir hatten eigentlich vor, unser Haus mit Solarenergie auszustatten, aber das geht im Moment nicht. Neue Anlagen lassen sich derzeit in Griechenland nicht vernünftig in Betrieb nehmen, weil die Förderungen fehlen.

In Spanien ist die Situation ähnlich. Die iberische Halbinsel ist energetisch quasi eine Insel, weil die grenzüberschreitenden Netze nach Frankreich fehlen. Frankreich hat ein eigenes Energiekonzept, stark auf Kernenergie ausgelegt. Erneuerbare Energien und Grundlastkraftwerke wie Kernenergie funktionieren im Zusammenspiel nicht optimal.

Europa hat hier noch viel zu tun, insbesondere beim Ausbau von Netzen, auch grenzüberschreitend, damit Strom aus Regionen, in denen erneuerbare Energien günstig produziert werden können, dorthin transportiert werden kann, wo er gebraucht wird.

Titus Kroder:
Was könnte Europa also mittel‑ oder kurzfristig tun? 2018 wurde das letzte Stück deutscher Steinkohle symbolisch an Bundespräsident Frank‑Walter Steinmeier übergeben. Die letzte deutsche Zeche wurde damals in Bottrop geschlossen. Sollten wir dieses heimische Energiepotenzial wieder anzapfen, wie zum Beispiel England jetzt auch über die Aktivierung von Nordsee‑Ölquellen nachdenkt, oder ist sogar die Kernkraft wieder der Ausweg, den wir suchen müssen? Wie ist deine Einschätzung?

Andreas Rees:
Das ist eine Frage, die ich in den letzten Wochen in sehr vielen Präsentationen gestellt bekommen habe. Wenn ich mir die Zahlen anschaue, fange ich einmal mit der Kohle an.

Im letzten Jahr wurden in Deutschland über Kohle etwa 15 Prozent des Energieverbrauchs abgedeckt. Zum Vergleich, der Gasanteil liegt bei gut einem Viertel, Öl liegt bei mehr als einem Drittel und die erneuerbaren Energien haben einen Anteil von rund 20 Prozent.

Grundsätzlich ist es richtig, man könnte mehr Braunkohle in Deutschland abbauen. Wenn man europäisch denkt, gibt es Länder in Mittel‑ und Osteuropa, etwa Polen, mit Steinkohle. Die Infrastruktur in Form von Kohlekraftwerken ist grundsätzlich noch vorhanden, auch wenn man sagen muss, dass in Europa in den letzten zehn Jahren rund 200 Kohlekraftwerke stillgelegt wurden.  Man könnte die Kohleverstromung also ein Stück weit hochfahren. Auf der anderen Seite muss man realistisch sagen, Kohle kann Öl und Gas nur sehr begrenzt ersetzen.

Kohle hilft vor allem bei Strom, bei Wärme hingegen deutlich weniger, gerade bei uns in Deutschland. Kohle kann kein Öl im Verkehrsbereich ersetzen, Stichwort Benzin und Diesel.
Und auch im Industriebereich, etwa in der Chemie, ist Kohle nur begrenzt ein Ersatz, weil dort sehr viel Gas eingesetzt wird. Das heißt, Kohle löst nur einen Teil des Problems. Unter umweltpolitischen Gesichtspunkten ist es natürlich problematisch, weil Kohle die höchste CO₂‑Last hat.

Titus Kroder:
Was wäre denn mit dem Thema Atomkraft in Europa? Frankreich, der große Champion dieser Technologie, hat rund 70 Prozent Anteil an der Primärenergieerzeugung aus Kernkraft. Sollten wir das in Deutschland ähnlich machen, wie das auch immer wieder Politiker, etwa aus Bayern, fordern? Wie ist da deine Sicht?

Andreas Rees:
Das ist politisch ein sehr sensibles Thema und auch emotional stark besetzt, das weiß ich auch aus vielen Kundengesprächen.

Ich zitiere hier einmal die Internationale Energieagentur. Die hat zuletzt gesagt, dass der Neubau von Atomkraftwerken wegen Größe, Kapitalintensität, langer Bauzeiten und technischer Komplexität sehr schwierig ist. In der Vergangenheit hat man bei Atomkraftwerken häufig Kostenüberschreitungen und zeitliche Verzögerungen gesehen. Das sind klare Risiken.

Auf der positiven Seite produziert Atomkraft relativ wenig CO₂. Auf der negativen Seite stehen die Abfälle, die hochproblematisch sind und über sehr lange Zeiträume sicher gelagert und gemanagt werden müssen. Nicht jedes Land in Europa kann oder möchte diesen Weg mitgehen.

Der aktuelle Stand in Europa ist, dass es kein einheitliches europäisches Modell bei der Atomkraft gibt. Rechtlich ist es so, dass jedes EU‑Mitgliedsland selbst über seinen Energiemix entscheiden kann. Die Europäische Kommission hat im März allerdings vorgeschlagen, neben erneuerbaren Energien und Netzausbau auch Investitionen in die Kernkraft zuzulassen. Gemeint ist damit vor allem die Laufzeitverlängerung bestehender Reaktoren, möglicherweise aber auch neue, große  Anlagen.

Was dabei oft vergessen wird, wenn man über Kernkraft spricht, ist das Thema Uran. Europa bezieht Uran zu 100 Prozent aus dem Ausland. Nach den letzten verfügbaren Zahlen aus 2024 stammt rund ein Drittel aus Kanada, etwa ein Viertel aus Kasachstan und rund 15 Prozent aus Russland. Das bedeutet, auch bei Atomkraft bleibt Europa vom Ausland abhängig.

Titus Kroder:
Die Benzinzapfsäulen an den Tankstellen stehen für fossile Energien und sie machen derzeit vor, was immer mehr Supermarktregale nachahmen. Die Zahlen auf den Preisschildern steigen und steigen, das nennt sich Inflation. Vor allem landwirtschaftliche Produkte werden teurer, so wird erwartet. Die Straße von Hormus ist nämlich auch ein Engpass für die weltweite Lieferkette von Dünger. 2,7 Prozent im ersten Kriegsmonat März, so hoch war die Verbraucherpreisinflation in Deutschland. Wird es weitere Preisschübe geben und wo werden wir die besonders spüren?

Andreas Rees:
Die Inflation wird sich wahrscheinlich tendenziell weiter beschleunigen. Wir haben Anfang Mai die Steuersenkung auf Benzin und Diesel, das wird kurzfristig dämpfend wirken. Aber wenn ich mir das persönlich anschaue, hatte ich in den letzten Tagen einige Aha‑Momente, die über das reine Tanken deutlich hinausgehen. Ich wohne in Sachsenhausen in Frankfurt. Ich bin gestern an einer Fahrschule vorbeigekommen und dort hing ein Zettel im Schaufenster mit einem Treibstoffzuschlag. Das heißt, auch bei Dienstleistern fangen die Preise an zu steigen. Ein zweiter Aha‑Moment war bei der Auswahl von Fliesen für unser Bad. Bei einigen Großhändlern wurde bereits darauf hingewiesen, dass Zuschläge erhoben werden oder vorbehalten sind.

Natürlich sind bei vielen Gütern und Dienstleistungen höhere Transportkosten direkt oder indirekt enthalten. Wichtig ist aber, warum ich denke, dass uns eine höhere Inflation in den nächsten Monaten erhalten bleibt, unabhängig von dem, was in Hormus passiert. Man sieht auch bei Gütern, die weiter weg sind in der Wertschöpfungskette, dass die Effekte bereits seit Wochen laufen, also deutlich über Gas und Öl hinaus.

Ein Beispiel sind Produkte aus der Petrochemie, Stichwort Kunststoffe. Die Preise sind extrem angestiegen. Kunststoffe sind faktisch überall in der Wirtschaft, in der Industrie zur Weiterverarbeitung und auch in den Privathaushalten. Wir haben also Preisdruck in der Pipeline.

Ganz wichtig sind auch die Nahrungsmittelpreise. Neben Transportkosten sind die Preise für Düngemittel stark angestiegen und das wird über kurz oder lang auch bei den Nahrungsmittelpreisen ankommen.

Titus Kroder:
Philip, man kann ja die Inflationserwartungen immer auch sehr gut an bestimmten Anlagebewertungen am Kapitalmarkt ablesen. Was kann man aus Sicht des Kapitalmarktes, aus Sicht der Investoren sagen? Wie wird sich die Inflation langfristig entwickeln und was wird da erwartet?

Philip Gisdakis:
Jetzt hast du in deiner Frage schon das entscheidende Wort genannt, nämlich langfristig. Denn genau da müssen wir unterscheiden. Das Thema, das du gerade mit Andreas besprochen hast, betrifft eher die kurze Frist. Was passiert in diesem Jahr Richtung Jahresende, vielleicht im nächsten Jahr.

Für die Kapitalmärkte, wo wir Zinspapiere mit Laufzeiten von 10, 20 oder 30 Jahren handeln, spielen andere Überlegungen eine Rolle als der kurzfristige Preisdruck aufgrund des Krieges im Persischen Golf.  Die Märkte unterscheiden typischerweise bei der Analyse von Zinskurven zwischen Inflationserwartungen und dem sogenannten neutralen Zinssatz. Das ist der Zinssatz, der auf eine Inflationserwartung aufgerechnet wird, um zu einem nominalen Zinssatz zu kommen.

Was wir aktuell sehen, ist, dass die Zinsmärkte die Veränderung der aktuellen Inflation einpreisen. Die Renditen gehen rauf und runter. Man sieht aber bisher keine starken Auswirkungen auf den neutralen Zinssatz. Und was man auch sieht, ist, dass die wirklich langfristigen Inflationserwartungen noch nicht dramatisch angestiegen sind. Wenn man zum Beispiel auf Kapitalmarktindikatoren wie den sogenannten ‚Five‑Year‑Five‑Year‑Forward‘ schaut, also die Inflation in fünf Jahren bis in zehn Jahren, dann sieht man eine kleine Bewegung nach oben, aber keine dramatische. In der Phase nach dem Ukraine‑Krieg waren diese Erwartungen zeitweise sowohl in den USA als auch in Europa deutlich höher. Das heißt, aktuell spielt das Thema langfristig in den Überlegungen der Märkte noch keine große Rolle.

Wenn sich das allerdings ändern sollte und sich das Inflationsregime dauerhaft verschiebt, dann hätte das natürlich deutliche Auswirkungen auf die Bewertungen an den Aktienmärkten.

Titus Kroder:
Wenn man einmal mit den Augen einer Anlegerin oder eines Anlegers auf die reale Wirtschaft blickt, worauf müssen sich Investoren einstellen, wenn du das große Bild zeichnest? Was wird aus Sicht von Investoren die Wirtschaft längerfristig bestimmen?

Philip Gisdakis:
Da spielt das Thema Inflation wieder eine Rolle oder genauer gesagt das, was Inflation langfristig treiben könnte. Durch die vielen Krisen der letzten Jahre, angefangen mit der Corona‑Krise, haben wir festgestellt, dass unsere Lieferketten in der Vergangenheit stark auf Effizienz ausgerichtet waren. Es ging darum, möglichst günstig zu produzieren und Lieferketten so zu gestalten, dass die Preise günstig sind. Dabei wurde viel Wert auf Effizienz gelegt und deutlich weniger auf Resilienz. Seit der Corona‑Krise schauen wir stärker auf resiliente Lieferketten, auf Nearshoring und Onshoring, um Redundanzen in der Versorgung zu schaffen.

Bisher spielte diese Diskussion vor allem bei Gütermärkte eine Rolle, weniger die Energiemärkte. Der Irankrieg hat den Fokus nun auch stark auf die Energieversorgung gelenkt. Es geht darum, Resilienz stärker zu gewichten als Effizienz. Das ist ein weiteres Argument dafür, dass Lieferketten umgebaut werden müssen, was inflationstreibend wirken kann. Gleichzeitig hat das Implikationen für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland und Europa. Es bedeutet, dass wir mehr Güter und mehr Energie lokal oder näher an Europa produzieren müssen, um unabhängiger zu werden. Das kann Auswirkungen auf Geschäftsmodelle haben, muss aber nicht nur negativ sein. Es kann auch positiv sein, weil es bedeutet, dass Wirtschaftsleistung, Produktion und Wertschöpfung näher an Europa stattfinden. Das kann sich langfristig auch positiv auf Wirtschaft und Kapitalmärkte auswirken.

Titus Kroder:
Zum Schluss noch die Frage, was mache ich eigentlich als Anleger oder als Investorin mit diesen längerfristigen Trends? Wie sichere ich mich ab und wie kann ich mögliche neue Chancen nutzen?

Philip Gisdakis:
Auf Branchenebene rückt das Thema erneuerbare Energien in Europa wieder stärker in den Fokus, das ist ins Hintertreffen geraten. Ganz wichtig ist aber, dass wir es mit einer geopolitischen Entwicklung zu tun haben, die zu einer stärkeren Fragmentierung der Welt und der Lieferketten führt. Das bedeutet auch, dass Risiken für einzelne Regionen zunehmen. Ist z.B. Europa ein großer Gewinner oder Verlierer. Für Anlegerinnen und Anleger heißt das, dass sie stärker diversifizieren müssen, als sie es in der Vergangenheit getan haben. Und da fällt dann das Thema Schwellenländer.

In den letzten Jahren lag der Fokus stark auf Europa und den USA, oft mit 70, 80 oder sogar 90 Prozent des Aktienportfolios, dann vielleicht ein bisschen Japan 7, 8%, wenn es viel war 10% in Schwellenländer. Ich glaube, dass sich das ändern muss.

Die Gewichtung zwischen Europa und den USA muss neu austariert werden, und insgesamt wird es notwendig sein, stärker in Asien, auch in Japan, und mehr in Schwellenländer zu investieren. Diversifikation wird in den Portfolios deutlich an Bedeutung gewinnen müssen.

Titus Kroder:
Iran, der Ölpreis und die Weltwirtschaft, das ist das Drama, über das wir hier seit Wochen sprechen. Es geht um so vieles, unsere Wirtschaft, unsere Jobs, unseren Geldbeutel und unsere Geldanlagen. Dieses Drama mit noch ungewissem Ausgang haben wir heute erneut analysiert.

Danke an die Experten der HVB für diese Einordnung. Wir sind am 4. Mai wieder hör‑ und streambar mit einem neuen HVB Markt‑Briefing. Hinweise, Kommentare und Anregungen gerne per E‑Mail an markt‑briefing@unicredit.de.

Das war es von Andreas Rees, Philip Gisdakis und Titus Kroder. Bis zum nächsten Mal.