Kamingespräch Stuttgart

Kamingespräch Stuttgart – Mittelständler dürfen sich nicht verunsichern lassen!

Termin
8. Juli 2019
Ort
Stuttgart
Thema
Sprungbrett Europa

Wie bedrohlich sind die jüngsten politischen Entwicklungen in Europa für die deutsche Wirtschaft? Und müssen hiesige Unternehmer jetzt ihre Auslandsgeschäfte überdenken?

Antworten auf diese Fragen kennen die Teilnehmer des Kaminabends der HypoVereinsbank in Stuttgart.

Es sind besorgniserregende Fahrwasser, in die der Kontinent offenbar steuert: Nach den Parlamentswahlen ist ein Postengeschacher rund um politische Schlüsselpositionen in der Europäischen Union entbrannt, das bei Bürgern wie Wirtschaft auf Unverständnis stößt und großes Misstrauen schürt.

Ausgerechnet während sich der mehr als zehnjährige Aufschwung des Wachstumsmotors Deutschland immer deutlicher dem Ende zuneigt – und allein dies bereits für zunehmende Verunsicherung sorgt. Doch wie bedrohlich ist diese Gemengelage wirklich? Und stellt Europa dadurch gerade für Unternehmen zunehmend mehr Risiko als Chance dar?

Ihre Einschätzung hierzu gegeben haben hochkarätige Experten bei dem jüngsten Kamingespräch in Stuttgart, das die HVB gemeinsam mit dem Handelsblatt organisiert hat. In vertraulicher Runde werden bei dieser bundesweit stattfindenden Veranstaltungsreihe wichtige Trendthemen im Mittelstand von Fachreferenten beleuchtet – und anschließend im Austausch mit ausgewählten Gästen vertieft.

Chancen und Hemmnisse beim Export - Andreas Reimer und Markus Beumer im Interview:

Andreas Reimer (Vorsitzender Geschäftsführer Hengstenberg) und Markus Beumer (Vorstand HypoVereinsbank)

Momentan gibt es zahlreiche Faktoren in Europa, die Sorgen bereiten.

Gerade deutsche Unternehmer profitieren vom innereuropäischen Handel in einem geeinten Europa und den weltweiten Expansionsmöglichkeiten, die sich daraus ergeben. Die Ergebnisse der Europawahl, der schwelende Handelskrieg zwischen den USA und China und viele weitere Faktoren verdienen dabei einen genaueren Blick. Die wichtigsten Aussagen der Experten haben wir für Sie kurz zusammengefasst.

Ruth Berschens, Korrespondentin des Handelsblatts

Handelsblatt-Korrespondentin Ruth Berschens rief den Teilnehmern zu, die aktuellen politischen Personalquerelen in Europa nicht überzubewerten: „Keiner der Spitzenkandidaten für den Posten des Kommissionsvorsitzes, der sich im Europawahlkampf den Bürgern vorgestellt hat, ist nun am Ende zwar in eine Funktion gekommen – da können sich die Wähler natürlich ein wenig veräppelt fühlen“, sagte die aus Brüssel live zugeschaltete Expertin. Doch auf der anderen Seite habe man mit Ursula von der Leyen dennoch eine geeignete Person gefunden, die über reichlich Regierungserfahrung verfüge.

Berschens empfiehlt hier pragmatisch zu denken – denn Europa sein nun mal kein Nationalstaat: „Wäre Europa ein Bundesland, hätten wir ein ganz anderes Wahlrecht. Dann könnten wir uns überlegen, ob wir einen europäischen Präsidenten direkt wählen, so wie es in Frankreich Tradition ist. Oder wir könnten eine parlamentarische Demokratie so wie in Deutschland organisieren, wo das europäische Volk zunächst das Parlament wählt – und das Parlament dann wiederum die Regierung.“ Aber so eine Situation existiere eben nicht. Daher müsse man sich mit dieser Mischform der europäischen Demokratie und der intransparent anmutenden Vergabe der Schlüsselposten abfinden.

Auch die Nominierung von Christine Lagarde als künftige Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB) bereitet der langjährigen Handelsblatt-Korrespondentin kein Kopfzerbrechen: „Lagarde ist zwar – anders als ihre Vorgänger bei der EZB – weder Notenbankerin noch Ökonomin." Doch sie führe seit vielen Jahren den Internationalen Währungsfonds (IWF) „ohne Fehl und Tadel“ und sei zudem vorher französische Wirtschaftsministerin gewesen.

Markus Beumer, Mitglied des Vorstands der HypoVereinsbank

Markus Beumer betonte die Bedeutung von langfristigen Geschäftsbeziehungen zwischen Bank und Unternehmen – insbesondere in wirtschaftlich unsicheren Zeiten. „Wichtig für die hiesigen Unternehmen ist, dass sie ihr Bankpartner auch für die nächsten Jahrzehnte begleiten kann und strategische Pläne auch in schwächeren Konjunkturzyklen mitträgt“, so der Experte. „Momentan gibt es zahlreiche Faktoren in Europa, die Unternehmern große Sorgen bereiten“, ergänzte Beumer gegenüber den Teilnehmern des Kaminabends.

Zu den maßgeblichen Problemen gehöre etwa alles, was mit Handelsbarrieren zu tun habe und so der Wirtschaftsentwicklung schade. So sei beim Brexit immer noch keine Lösung absehbar. Zudem hätten auch die protektionistischen Manöver der USA erhebliche Auswirkungen auf die ökonomischen Rahmenbedingungen. „Unternehmen sollten ihre Geschäftsprozesse und Lieferketten prüfen und sich fragen, wo sie eventuell verwundbar sind“, sagte der Spitzenbanker.

Derzeit gäbe es in der deutschen Wirtschaft große Unterschiede zwischen den verschiedenen Branchen. Eine Seite profitiere auch von den Niedrig- und Negativzinsen. „Dazu gehören Firmen, aus der Bau- und Immobilienbranche – aber auch dem Konsumgüterbereich“, so Beumer.

Auf der anderen Seite stünden hingegen beispielsweise der Maschinenbau und der Automobilsektor vor neuen Herausforderungen. Wegen ihrer hohen Abhängigkeit von China habe hier die weitere Entwicklung der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft großen Einfluss auf die Zukunftsaussichten.

Andeas Reimer, Vorsitzender der Geschäftsführung von Hengstenberg

Ein strategisch wichtiges Thema ist China momentan auch für Andreas Reimer, den Vorsitzenden der Geschäftsführung beim Nahrungsmittelhersteller Hengstenberg. Das mittelständische Unternehmen mit Sitz im baden-württembergischen Esslingen ist unter anderem durch seine führende Sauerkrautmarke „Mildessa“ sowie die Tomatenprodukte von „Oro di Parma“ bundesweit bekannt – und plant seine aktuelle Exportquote von rund zehn Prozent langfristig deutlich auszubauen.

„Im Auslandsgeschäft geht es uns nicht um Wachstum um jeden Preis, sondern darum, sich auf Märkte zu konzentrieren, bei denen unsere Produktgruppen tatsächlich hohes Potenzial aufweisen“, erläuterte Reimer gegenüber seinen Zuhörern in Stuttgart. „Und dazu gehört in erster Linie China, wo wir momentan noch gar nicht aktiv sind.“ Das sei ein Land, das man auf keinen Fall dauerhaft liegen lassen könne. „In China kommt uns zugute, dass ‚Made in Germany‘ gerade im Food-Bereich vor dem Hintergrund vieler Lebensmittelskandale dort besonderes Ansehen genießt“, so der Firmenlenker.

In Europa böten für Hengstenberg beispielsweise Länder weiteres Geschäftspotenzial, die eine Affinität zu „verarbeiteten Tomaten“ hätten – also etwa im Norden des Kontinents, wo die italienische Küche eine Rolle spielt. In Italien selbst dagegen seien die heimischen Unternehmen schlicht zu dominant.

Nicht nur als Absatzmarkt trage Europa aber wesentlich zum Erfolg des Lebensmittelherstellers bei. Es stelle auch ein unverzichtbares Reservoir für Arbeitskräfte dar: „Von unseren rund 500 Mitarbeitern sind nur etwa 330 Stammmitarbeiter – die anderen sind Saisonkräfte, denn die Ernte muss nur einmal im Jahr – aber dann zügig innerhalb weniger Monate – verarbeitet werden“, so Reimer.

Es handele sich dabei um verhältnismäßig schwere Arbeit. „Daher finden wir nicht mehr genügend Arbeitskräfte aus Deutschland, die dazu bereit sind. Wir freuen uns daher, dass unsere polnischen, bulgarischen und rumänischen Mitarbeiter schon seit vielen Jahren zu uns kommen.“ Dazu trage bei, dass man anders als viele Erdbeer- oder Spargelbauern seine Saisonkräfte so behandele, dass sie immer wieder für Hengstenberg arbeiten wollten.

Nicht missen wolle man im Auslandsgeschäft auch die speziellen Kenntnisse und Fähigkeiten der Vertriebsmitarbeiter vor Ort, die etwa kulturelle Aspekte im Austausch mit Kunden besser berücksichtigen können. Zusätzliches Wachstum peile Hengstenberg zudem auch mit möglichen Investitionen in weitere Produktionsstätten im Ausland an, wie beispielsweise in Polen, der Türkei oder Russland.

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