Zurück zur Übersicht

17.09.2020 Regional Deutschland
Es gibt keine Kreditklemme (PDF, 295.89 KB)
Frankfurter Allgemeine Zeitung: “Es gibt keine Kreditklemme“
Zombieunternehmen? Pleitewelle? Die deutsche Wirtschaft wird sich schneller erholen als viele glauben, sagt Michael Diederich, Chef der Hypo-Vereinsbank.

Von Henning Peitsmeier, München

Die mahnenden Worte von Christian Sewing klingen vielen noch in den Ohren. Es ist keine zwei Wochen her, da hat der Chef der Deutschen Bank auf einer Konferenz vor einer Pleitewelle gewarnt: „Wenn jedes sechste Unternehmen in Deutschland durch Rettungsgelder und faktisch ausgesetzte Insolvenzmeldungen ein Zombie wird, dann hat das gravierende Auswirkungen auf die Produktivität unserer Volkswirtschaft.“

Bei Michael Diederich, dem Chef der Hypo-Vereinsbank, hört sich die Lagebeschreibung deutlich entspannter an. Er lobt im Gespräch mit der F.A.Z. das beherzte Eingreifen, mit dem sich der Staat und auch die Europäische Zentralbank gegen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie stemmen: „Deutschland und die deutsche Politik haben in der Krise einen guten Job gemacht. Mit dem Lockdown wurde das industrielle Herz einer Volkswirtschaft angehalten. Auch dank der KfW-Kredite und des Wirtschaftsstabilitätsfonds können wir jetzt wieder auf eine Erholung im kommenden Jahr hoffen.“

Der 55 Jahre alte Diederich hat seit etlichen Jahren tiefe Einblicke in die Unternehmenslandschaft, trug bei der Münchner Tochtergesellschaft der italienischen Unicredit-Gruppe lange die Verantwortung für das Firmenkundengeschäft für Großkunden und das Corporate- und Investmentbanking im deutschen Markt. Von Zombieunternehmen, die aufgrund ihres unprofitablen Geschäftsmodells nicht länger künstlich am Leben gehalten werden sollten, spricht er nicht. Die kritischen Einschätzungen so mancher Kollegen und Wirtschaftsforscher kennt er gleichwohl. Volkswirte rechnen damit, dass die heimische Wirtschaft erst 2022 wieder das Vorkrisenniveau erreichen wird. Nach dem voraussichtlich schwersten Wirtschaftseinbruch in der deutschen Nachkriegsgeschichte gehen sie davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt erst im Jahr 2022 wieder das Vorkrisenniveau erreicht. Diederich hält es lieber mit den Ökonomen aus dem eigenen Haus. „Unsere Volkswirte rechnen aktuell mit Blick auf Deutschland für dieses Jahr mit einem Minus von 5,2 Prozent und für das nächste mit einem Plus von 4,8 Prozent. Das wäre eine kräftige Erholung“, sagt er.

Zuletzt gab es wiederholt Befürchtungen, die Insolvenzwelle sei durch das bis Ende dieses Jahres verlängerte Insolvenzaussetzungsgesetz nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Die Auskunftei Creditreform, die im ersten Halbjahr einen Rückgang der Insolvenzanträge verzeichnet hat, schätzt die Zahl der verdeckt überschuldeten Unternehmen auf 550 000 . Sollte die Anmeldepflicht, wie von der Bundesjustizministerin geplant, weiter ausgesetzt werden, dürfte die Zahl auf bis zu 800 000 Firmen steigen. Und gerade erst kritisierte das Institut für Weltwirtschaft in Kiel den verlängerten Einsatz des Kurzarbeitergeldes, weil damit zunehmend Betriebe finanziert würden, die nicht mehr marktfähig seien.

Diederich will die Lage gar nicht beschönigen, empfiehlt aber einen differenzierten Blick. Während die Reisebüros, die Hotellerie oder der Kulturbereich unverändert in Schwierigkeiten steckten, verzeichneten Markenartikler und Sportausrüster bereits wieder deutliche Auftragszuwächse, vor allem dank glänzender Geschäfte in Asien. Es sei absolut richtig, sagt Diederich, durch die Corona-Krise unverschuldet in Bedrängnis geratene Unternehmen mit Sonderkrediten zu helfen. Die Förderbank KfW hatte dazu im Frühjahr auf Geheiß der Bundesregierung mehrere Kreditprogramme aufgelegt, darunter auch den sogenannten Schnellkredit, bei dem der Staat den Hausbanken das Haftungsrisiko vollständig abnimmt. Von diesen Förderkrediten hat die HVB per Anfang August 3000 zugesagt, im Volumen von 3 Milliarden Euro. „Unser Marktanteil bei Förderkrediten für von Covid-19 betroffene Unternehmen ist eineinhalb Mal so hoch wie unser Marktanteil bei klassischen Unternehmenskrediten. Und aktuell haben wir so gut wie keine Wertberichtigung in unseren Büchern, die im Zusammenhang mit Covid-19 steht.“

Diederich rechnet wegen der häufigen Vergabe der Förderkredite nicht mit überdurchschnittlich häufigen Ausfällen, da auch diese Hilfen mit strengen Auflagen verbunden sind. Ebenso wenig geht er von Engpässen in der Kreditvergabe an Unternehmen aus: „Natürlich werden von den Unternehmen derzeit etwas weniger Kredite nachgefragt, die der Finanzierung von konkreten Übernahmen oder Erweiterungsinvestitionen dienen. Aber eine Kreditklemme ist absolut nicht zu befürchten, solange es die KfW-Kredite gibt und die EZB die Märkte mit Liquidität versorgt.“ Etlichen Unternehmen, auch aus dem Mittelstand, attestiert Diederich ein ordentliches Finanzpolster. „Viele Unternehmen haben nach der Finanzkrise vor zehn Jahren Fremdkapital zurückgeführt. Der Großteil von ihnen ist mit stabiler Eigenkapitalausstattung in die Corona-Krise gegangen. Jetzt wird die spannende Frage sein, wie schnell die Erholung kommt und wie sehr das Eigenkapital betroffener Unternehmen unter Druck kommt, wenn es ein bisschen länger dauert.“

Dass in letzterem Fall auch die Banken in Schwierigkeiten geraten könnten, kann Diederich ebenfalls nicht erkennen. Die meisten Geldhäuser könnten mögliche Kreditausfälle dank guter Kapitalquoten verkraften, wenngleich manche Institute wohl mit einer steigenden Risikovorsorge rechneten. „Unser Haus hat in den vergangenen vier Jahren viel gemacht, etliche Risiken aus der Bilanz genommen, das Eigenkapital gestärkt und die Kosten massiv gesenkt. Und das, was wir unternommen haben, haben viele andere im Bankensektor auch gemacht. Deshalb bin ich auch nicht zu optimistisch, wenn ich sage, dass es keine zweite Bankenkrise geben wird.“

Im Privatkundengeschäft hat die HVB im Januar einen Vierjahresplan gestartet, mit dem Ziel, die Produktivität zu steigern. Auch hier stehen Diederich zufolge die Bedürfnisse der Kunden im Zentrum. Ihr Filialnetz hat die HVB zuvor im Zuge der Digitalisierung ausgedünnt, auch 1300 Stellen fielen weg. „Bei uns gibt es derzeit keine Pläne, weitere Filialen zu schließen oder Stellen abzubauen“, sagt Diederich. „Unsere Kunden wollen nicht nur den einen Kanal nutzen, also nur Mobilebanking, OnlineBanking oder nur die Filiale. Die Mischung macht’s. Dabei müssen wir innerhalb unseres Angebots die Medienbrüche vermeiden: Wenn zum Beispiel ein Kunde nach einer virtuellen Hausfinanzierungsberatung den Kreditabschluss am nächsten Tag in der Filiale machen will, muss der Filialmitarbeiter so informiert sein, dass er dem Kunden den fertigen Kreditvertrag ausgedruckt zur Unterschrift vorlegen kann.“

Pressekontakt:
Nicholas Wenzel