Pandemie und Ukraine-Krieg erschüttern derzeit Lieferketten und Absatzmärkte. Steigende Energie- und Rohstoffpreise setzen die Betriebe zusätzlich unter Druck. Viele Betriebe treffen die gestiegenen Anforderungen an Nachhaltigkeit daher zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Andererseits zwingen diese Trends die Unternehmen vermehrt dazu, ihre Nachhaltigkeitsbemühungen zu verstärken. Energiesparmaßnahmen senken Kosten. Die Stärkung der Kreislaufwirtschaft erhöht die Resilienz gegenüber globalen Versorgungskrisen.
Die Fortsetzung der Studie „Nachhaltigkeit und Mittelstand“ der Nachhaltigkeitsberatung akzente und der HypoVereinsbank zeichnet ein ambivalentes Bild. Unstrittig ist, dass Ereignisse wie der Ukraine-Krieg mit all seine Begleiterscheinungen wie drohender Rohstoffknappheit und Unsicherheit in der Lieferkette die Geschäfte vieler Mittelständler massiv beeinflussen. Ihre Antworten hinsichtlich der Transformation zu mehr Nachhaltigkeit aber fallen unterschiedlich aus.
Während viele Vorreiter die ‚Flucht nach vorn‘ antreten und ihre Bemühungen etwa auf dem Energiesektor nochmals verstärken, würden andere ihre Bemühungen angesichts der Krisenlage lieber zurückfahren oder aussetzen. Allerdings lassen ihnen die zunehmenden Anforderungen der Regulatorik, etwa das neue Lieferkettengesetz, die Taxonomie-Verordnung der EU und die bevorstehende CSR-Berichtspflicht, dafür nur wenig Spielraum.
Für die Aktualisierung und Fortsetzung der erstmals 2021 erschienenen Studie „Nachhaltigkeit im Mittelstand“ wurden sechs weitere Schlüsselbranche der deutschen Wirtschaft im Hinblick auf den Status und die besonderen Herausforderungen der Nachhaltigkeit untersucht:
Eine Standortbestimmung und Orientierung bietet die gemeinsame Studie „Nachhaltigkeit im Mittelstand“ der Nachhaltigkeitsagentur akzente und der HypoVereinsbank. Sie zeigt die Anforderungen auf und welche Chancen sich daraus für Unternehmen ergeben.
In sechs Schlüsselbranchen gibt sie Einblicke in die Strategien und Maßnahmen mittelständischer Unternehmen auf ihrem Weg zu einem nachhaltigen Geschäftsmodell.
Bei allen Unterschieden zwischen den untersuchten Branchen stellt die Studie folgende Gemeinsamkeiten und Trends fest.
Die Top 5-Nachhaltigkeitsthemen der Baubranche:
Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Mitarbeiterentwicklung
Energie- und Ressourceneffizienz
Compliance und Integrität
Menschenrechte & Einbindung lokaler Gemeinden
Landnutzung und Biodiversität
Das Bewusstsein für die Bedeutung von Nachhaltigkeit nimmt spürbar zu. Gebäude sollen als Teil des natürlichen Stoffkreislaufes verstanden werden. Die Umsetzung steht in vielen Unternehmen aber noch ganz am Anfang. Das gilt insbesondere für das Thema Werte und Compliance. Aber ein systematischer Zugang besteht meist noch nicht. Das gilt auch für die Aspekte Gesundheit und gesellschaftliche Verantwortung.
Nachhaltigkeit zu leben ist keine Frage der Unternehmensgröße. Doch vielfach herrscht eine kritische Grundhaltung. Der Mehrwert zusätzlicher Investitionen wird bezweifelt.
Die Ansprüche der Kunden und die Nachfrage nach nachhaltigen Produkten steigen. Doch am Ende entscheidet nach wie vor der Gesamtpreis. Nur ein kleiner Teil der Kunden ist bereit, für nachhaltige Produkte mehr zu bezahlen. Am Ende zählt die persönliche Motivation der Firmengründer bzw. -inhaber.
Im Fokus der Maßnahmen steht die Reduktion des Energie- bzw. Gasverbrauchs sowie der CO2-Emissionen. Am schnellsten zahlt sich Nachhaltigkeit bei der Gewinnung von Mitarbeitern aus.
Die Top 5-Nachhaltigkeitsthemen der Chemie-, Pharma- und Gesundheitsbranche
Produktverantwortung und -entwicklung
Arbeitssicherheit und Gesundheit
Energie-, Wasser- und Abwassermanagement
Ethische Marketing- und Wirtschaftspraktiken und Lobbying
Management von Wasser und Wirkstoffrückständen
In den vergangenen Jahren haben die Unternehmen ihre Nachhaltigkeitspraktiken stark verbessert. Die Reduktion des Energieverbrauchs und der CO2-Emissionen hat – auch aus Kostengründen – höchste Priorität.
Klimaneutralität ist ein Marathon. Manche Unternehmen sehen beim Thema Nachhaltigkeit einen riesigen Berg an Herausforderungen. Doch gerade beim Umweltschutz sind viele gut aufgestellt. Besonders relevant ist die Optimierung des Energie- und Wasserverbrauchs und die damit verbundene Kostensenkung. Neuland sind für viele dagegen das Thema Lieferkette sowie ein umfassendes Nachhaltigkeitsreporting.
Kunden fragen verstärkt nach der CO2-Bilanz und sind bereit, höhere Preise zu bezahlen. Die Unternehmen beginnen, eigenen Strom zu produzieren. Energieverbrauch und Emissionen sinken. Die ökologische Nachhaltigkeit hilft auch, Kosten zu senken.
Gesundheitsschutz und die Zusammenarbeit mit Lieferanten hinsichtlich kritischer Stoffe rücken stärker in den Fokus. Die Sensibilisierung der Mitarbeiter wird zum entscheidenden Faktor. Wo sie die Veränderungen unterstützen, wird Nachhaltigkeit selbstverständlich.
Die Top 5-Nachhaltigkeitsthemen der Elektronik- & IT-Branche
Ressourceneffiziente Produktion
Arbeitssicherheit und -standards
Produktentwicklung für Energieeffizienz
Beschaffung von Rohstoffen
Rücknahme und Verwertung
Fast alle Unternehmen sprechen von einem nachhaltigen Umgang mit Altgeräten. Doch über drei Viertel der ausgedienten Geräte werden noch nicht recycelt. Im Hardware-Bereich wird die produktbezogene Nachhaltigkeit schon länger verfolgt, beispielsweise mit der Aufbereitung von Altgeräten (Refurbishing). Dagegen ist das Thema Nachhaltigkeit im Software-Bereich bislang kaum angekommen.
Das Thema ist zwar in den Köpfen, aber noch nicht organisatorisch verankert. Oft fehlen die nötigen Kapazitäten und Mittel. Dabei führt die systematische und unternehmensweite Beschäftigung mit dem Thema häufig zu neuen Ideen. Insbesondere das Thema Energieverbrauch und CO2-Emissionen verdient mehr Aufmerksamkeit. Am stärksten zahlt sich Nachhaltigkeit im erbitterten Wettbewerb um die besten Nachwuchskräfte aus.
Für die meisten Kunden spielt Nachhaltigkeit noch keine große Rolle. Die Unternehmen gehen das Thema Nachhaltigkeit aus eigenem Antrieb an.
Im Fokus steht, den CO2-Ausstoß zu reduzieren und das Abfallmanagement zu verbessern. Mit dabei: Der Umstieg auf grünen Strom.
Die Top 5-Nachhaltigkeitsthemen der Konsumgüter-Branche
Ressourcen- und Energieeffizienz in der Produktion
Nachhaltige Produkte
Verpackung und Recycling
Lieferkettenmanagement
Mitarbeiterverantwortung
Branchenweit wird bei Inhaltsstoffen und Materialien auf eine umweltverträgliche Herstellung geachtet. Initiativen zur Kreislaufwirtschaft, die aus Abfall neue Rohstoffe gewinnen, sind aktuell noch gering, nehmen aber zu.
Die Ansprüche der Konsumenten steigen. Einige Unternehmen hinken bei der Umsetzung von Nachhaltigkeit deutlich hinterher. Start-ups fordern etablierte Unternehmen heraus, bieten aber auch die Möglichkeit von ihnen zu lernen.
Vermehrt werden Partnerschaften und neue Konzepte gesucht, etwa beim Aufbau neuer Rückführungswege oder bei der Versorgung mit verantwortlich hergestellten Rohstoffen.
Mit der Verantwortung in der Lieferkette und wie sie sich umsetzen lässt, haben sich bislang nur wenige Unternehmen auseinandergesetzt.
Das Thema Nachhaltigkeit ist komplex – und nicht überall ein Thema. Aufklärung ist dringend notwendig. Nur in wenigen Marktsegmenten erwarten Konsumenten nachhaltige Produkte. Einzelne Unternehmen beschäftigen sich aus Überzeugung mit Nachhaltigkeit und gehen voran.
Energieeinsparung, eigene Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen sowie recyclingfähige Verpackungen stehen ganz oben auf der Agenda. Die Unternehmen reduzieren, wiederverwerten bzw. ersetzen Kunststoffe und fossile Rohstoffe.
Die Top 5-Nachhaltigkeitsthemen der Branche
Schutz von Klima und Natur bzw. Biodiversität
Produktverantwortung
Förderung Konsumentenbewusstsein
Lieferkettenmanagement
Gewässerschutz
Der Klimawandel setzt die Geschäftsmodelle in der Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie zunehmend unter Druck. Doch der Umgang mit Klimarisiken ist selbst bei großen Konzernen noch nicht sehr ausgeprägt.
Junge Unternehmen, die das Lebensmittelsystem mit nachhaltigen Lösungen transformieren, werden die Wahrnehmung und Verhaltensweise der Verbraucher dauerhaft verändern. Nahrungsmittelabfälle sind eines der meistdiskutierten Themen der Branche. Viele Ansätze scheitern allerdings an der Kasse im Supermarkt.
Die Branche wird getrieben vom Lebensmitteleinzelhandel und NGOs. Große Händler fordern von ihren Lieferanten schon heute klimaneutrale Produkte. Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit ist bei den KMU vorhanden, aber übergreifende Strategien fehlen. Es besteht eine große Scheu vor systematischen Ansätzen und dem damit verbundenen Aufwand.
Das Thema Nachhaltigkeit wird präsenter. Verbraucher fragen verstärkt nach zertifizierten Produkten und recyclingfähigen Verpackungen. Doch noch achten die Einkaufsabteilungen des Handels in erster Linie auf den Preis.
Die Unternehmen setzen darauf, Trends vorwegzunehmen, Vorreiter zu sein und sich langfristig Wettbewerbsvorteile zu sichern. Sie steigen ein mit Nachhaltigkeitsaudits und lassen sich zertifizieren. Sie senken Energieverbrauch und Emissionen oder stellen auf Ökostrom um.
Der nächste Schritt: einfache, weniger aufwändige bzw. zu 100 Prozent wiederverwertbare Verpackungen.
"Ich bin überzeugt, dass wir in den kommenden Jahren erleben werden, wie sich in vielen Branchen nachhaltigkeitsgetriebene Geschäftsmodelle durchsetzen oder zumindest einen immer größeren Marktanteil bekommen. Das ist gerade für den Mittelstand eine große Chance. Denn kleine und mittlere Unternehmen sind traditionell sehr kundenorientiert, flexibel und innovativ. Voraussetzung ist, dass Nachhaltigkeit nicht als Bedrohung, sondern als Grundbedingung für Zukunftsfähigkeit verstanden wird.“
Für die Studie „Nachhaltigkeit im Mittelstand“ haben die Nachhaltigkeitsagentur akzente und die HypoVereinsbank Interviews mit Experten und mittelständischen Unternehmern sowie Geschäftsführern aus dem Kundenkreis der HypoVereinsbank in sechs Schlüsselbranchen geführt. Dabei wurden KMU und größere Familienunternehmen mit einem Jahresumsatz von 20 bis ca. 500 Mio. Euro berücksichtigt.
Basis der Studie sind die „HVB ESG Branchenbarometer“. Sie wurden von der HypoVereinsbank gemeinsam mit ISS ESG, einer weltweit führenden nachhaltigkeitsorientierten Ratingagentur entwickelt. Für jede Branche wurden die Schlüsselthemen für Nachhaltigkeit identifiziert. Sie decken Unternehmen der relevantesten globalen und nationalen Indizes, nicht-börsennotierte Anleihe-Emittenten sowie Unternehmen ab, deren Geschäftsmodell auf Nachhaltigkeitsziele ausgerichtet ist.